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Spannender Iran, immer etwas voraus

11/04/2011 von Dieter Karg (Iran-Koordinationsgruppe von Amnesty International)

Salam, an euch, die ihr an Menschenrechten interessiert seid und euch für sie einsetzen wollt (ich hoffe doch!), ein herzlicher Gruß von der Iran-Koordinationsgruppe. Wie ich zu ihr kam und was ich bei meinem Engagement für die Menschenrechte im Iran und zum Amnesty-Fall Kabudvand beobachtet habe – hier berichte ich darüber. 

Dieter Karg ist Sprecher der Iran-Koordinationsgruppe von Amnesty International. Der 55-Jährige Lehrer ist seit über 20 Jahren für die Menschenrechte im Iran aktiv. Anlässlich des 50. Geburtsjahres von Amnesty International bloggt er hier über sein Engagement für die Menschenrechte im Iran – und den Amnesty-Fall Mohammad Sadiq Kabudvand.

 

Eher zufällig bin ich vor über 20 Jahren auf das Amnesty-Engagement für die Menschenrechte im Iran gestoßen. Weil gerade zu dem Land Aktive gesucht wurden. Das war kurz bevor dann meine jetzige Frau – eine Iranerin – kennen lernte; so passen jetzt Privatleben und Iran-Engagement ganz gut zusammen. Das ist auch hilfreich, denn die Mitglieder und ich als Sprecher der Koordinationsgruppe Iran haben seit Jahren (leider!) alle Hände voll zu tun.

Was ist eine Koordinationsgruppe? In ihr finden sich sozusagen die Spezialisten für ein Thema oder ein Land bei Amnesty zusammen, bzw. diejenigen, die sich darin einarbeiten. Unsere Aktivitäten als Kogruppe stimmen wir dabei eng mit den hauptamtlichen Länderexperten im deutschen Sekretariat in Berlin und den Mitarbeitern im Internationalen Sekretariat in London ab. So beantworten wir Anfragen von außerhalb und innerhalb von Amnesty, beraten Gruppen bei Aktionen, übersetzen Berichte zum Iran, erstellen Einzelfallakten für die Betreuung durch andere Amnesty-Gruppen und oftmals auch Asylgutachten für Gerichte, und vieles mehr. Und das natürlich ehrenamtlich, wie die meisten bei Amnesty International.

Und so schreibe ich diesen Blog auch zwischen meinen beruflichen Verpflichtungen, die auch die anderen fünf Mitglieder der Kogruppe haben (mit einer Ausnahme). Eigentlich habe ich kaum Zeit dafür, aber das kennen die meisten Menschen, die bei Amnesty aktiv sind, wohl auch! Doch das Engagement mit Amnesty International entschädigt auch oftmals dafür – denn immer wieder sehen wir auch handfeste konkrete Erfolge unserer Arbeit. Menschen, die nach jahrelanger Haft freigelassen werden. Menschen, die vor Folter und Tod bewahrt werden – weil wir wie viele Amnesty-Mitglieder weltweit hinschauen, aktiv werden, dranbleiben.

Der Iran ist immer ein Stück voraus

Auch ganz persönlich lohnt es sich: Dank Amnesty und meiner Frau habe ich ein Stück der Welt näher kennen gelernt. Iran ist ein spannendes Land, anderen islamischen Staaten immer ein Stück voraus – so habe ich den Eindruck – sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht.

Iran Aktionstag, Berlin 25.07.2009

Das erste Land, das eine Islamische Republik ausrief, und auch eins der ersten, dessen Bevölkerung sich dagegen auflehnt. Erinnert man sich noch an die großen Demonstrationen nach der Präsidentschaftswahl 2009, lange vor den jetzigen Protestbewegungen im Nahen Osten? Ein Land mit Jahrtausende alter Kultur, mit der zweithöchsten Zahl von Hinrichtungen weltweit, das einzige, das derzeit jugendliche Straftäter hinrichten lässt, ein Land mit einer sehr aktiven Bürger- und Frauenrechtsbewegung, mit hohem Bildungsniveau und gleichzeitig enormer staatlicher Repression.

Ein Land, in dem alle Minderheiten zusammen die Mehrheit sind – über 50 Prozent der Bewohner sind keine Perser, sondern Azeris, Kurden, Araber, Turkmenen, Belutschen und andere. Ihre Lebensverhältnisse sind meist schlechter als die restlichen Bevölkerung. Wer dagegen protestiert, wird schnell zum politischen Gegner. Und Mohammad Sadiq Kabudvand gehört zu ihnen: Kurde, Journalist, Menschenrechtler – gleich drei Gründe für politische Verfolgung!

Der Fall Kabudvand: Ein Exempel wird statuiert

Seit dem 1. Juli 2007 sitzt Mohammad Sadiq Kabudvand im Gefängnis. Einer der vielen, an denen „ein Exempel statuiert“ wurde. Soll heißen: ihn hat man besonders hart bestraft, um andere von menschenrechtlichem Engagement abzuschrecken.

Mohammad Sadiq Kabudvand, kurdischer Menschenrechtsverteidiger und Journalist, inhaftiert im Iran.

Jetzt Freiheit für Mohammad Sadiq Kabudvand fordern!

Zehn Jahre Haft wegen „Propaganda gegen die Islamische Republik“, speziell wegen seiner Auslandskontakte zu humanitären Organisationen, und ein weiteres Jahr wegen der „Verbreitung von Stammesstreitigkeiten und Veröffentlichung provozierender Artikel“ und der „Verbreitung von Lügen zur Anstiftung zum öffentlichen Aufruhr“. Ein typisches Beispiel für die tendenziösen und unpräzisen Straftatbestände im Iran. 

Weitere Anklagen liegen gegen ihn vor, wegen Artikeln über die Verletzung der Frauenrechte im Iran. Die Strafe ist hoch, aber nicht die höchste für politische Vergehen: Soweit wir wissen, sind das 20 Jahre Haft - oder die Todesstrafe, wenn einem Verbindungen zu bewaffneten Gruppen vorgeworfen werden. Und dennoch, die Arbeit ist nicht nur deprimierend, bei allen erschreckenden Berichten, die wir aus dem Iran erhalten. Immer wieder kommt es auch zu Freilassungen oder der Aufhebung von Verurteilungen. 

Die Menschenrechtsbewegung im Iran ist aktiv, daher sollten auch wir es sein: Jetzt Freiheit für Mohammad Sadiq Kabudvand fordern!

Iran-Koordinationsgruppe von Amnesty International | Amnesty-Länderberichte zum Iran | Sonderseite „Freiheit für gewaltlose politische Gefangene im Iran!"

Bild oben:

Aktionsmotiv "Freiheit für gewaltlose politische Gefangene im Iran!"

© Amnesty International