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Guantánamo: Zehn Jahre zu viel

26/01/2012 von Martin Reiner

Im Januar sammelte Amnesty weltweit 160.000 Unterschriften für die Schließung des Gefangenenlagers Guantánamo. Auch in Berlin organisierten Amnesty-Mitglieder eine Aufsehen erregende Aktion.

Martin Reiner ist seit mehr als 20 Jahren aktives Amnesty-Mitglied im Bezirk Berlin-Brandenburg.

 

Guantánamo ist eine idyllische Bucht im Südosten Kubas – das zumindest sagen Leute, die schon mal dort waren. Es ist noch gar nicht so lange her, da kannte man diesen Ort allenfalls in Verbindung mit dem Song „Guantánamera“. Der so genannte „Krieg gegen den Terror“, den die USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ausriefen, änderte dies schlagartig. Seit am 11. Januar 2002 die ersten der insgesamt 779 Häftlinge aus aller Welt in das neu eingerichtete Gefangenenlager der USA auf ihrem Militärstützpunkt Guantánamo Bay eintrafen, ist Guantánamo zur Chiffre geworden für die menschenverachtende Praxis, die mit der neuen Politik einherging.

Die US-Regierung hat in Guantánamo einen rechtsfreien Raum geschaffen. Eine Regierung also, die ansonsten nicht müde wird, anderen Staaten Vorhaltungen zu machen wegen ihrer Menschenrechtsverletzungen. Geführt von einem Präsidenten, der 2009 sein Amt angetreten hatte mit dem Versprechen, das Lager binnen eines Jahres zu schließen. Doch heute sind dort noch immer 171 Männer aus mehr als 20 Ländern inhaftiert.

Zehn Jahre Ungerechtigkeit: Amnesty-Aktivisten protestierten am 11. Januar 2012 in Berlin gegen die Menschenrechtsverletzungen im US-Gefangenenlager Guantánamo.

Seit 10 Jahren steht Guantánamo für Folter, für jahrelange Haft ohne Anklage und unfaire Verfahren. Deshalb war es nicht überraschend, dass im Amnesty-Bezirk Berlin-Brandenburg ganz schnell viele Leute bereit waren, sich an einer großen öffentlichen Aktion zum 10. Guantánamo-Jahrestag zu beteiligen. Allen war bewusst, dass in Guantánamo der Wesenskern der Amnesty-Arbeit berührt wird. Das lässt keinen von uns kalt.

Doch mit Motivation alleine ist noch keine Veranstaltung organisiert. Und klar war auch, dass der größte Teil der Arbeit ehrenamtlich gestemmt werden müsste. Das Sekretariat hatte signalisiert, dass ihm die Kapazitäten fehlten für eine große öffentliche Aktion. Zudem war der Zeitplan recht ehrgeizig gesteckt. Als sich die Organisationsgruppe zum ersten Mal traf, waren es keine sechs Wochen mehr bis zum 11. Januar. Und zwischen Weihnachten und Neujahr würde auch kaum etwas laufen. Was für ein Wetter würden wir haben? Wieder einen kompakten Eispanzer auf dem Pariser Platz, wie im Jahr zuvor?

Skeptische Stimmen waren da keine Seltenheit. Dies änderte sich erst nach und nach. Als feststand, dass Bernhard Docke, der Anwalt des ehemaligen Guantánamo-Gefangenen Murat Kurnaz, nach Berlin kommen würde. Als wir die Zusage hatten, eine nachgebaute Guantánamo-Zelle von den Babelsberger Filmstudios zu bekommen, wo gerade Kurnaz’ Leben verfilmt wird. Und als der Generalsekretär der deutschen Amnesty-Sektion, Wolfgang Grenz, seine Teilnahme zusicherte.

Viele Dinge klärten sich erst kurz vor dem Guantánamo-Aktionstag. Manches gar erst vor Ort. Doch als sich um zwölf Uhr mittags sechs Fernsehteams und jede Menge Pressefotografen auf unsere „Guantánamo-Häftlinge“ und unsere Haftzelle stürzten, war die Erleichterung bei uns allen mit Händen zu greifen. Trotz gelegentlichem Nieselregen war das Wetter erträglich. Die Technik funktionierte, das Interesse an unserem „Schwarzen Buch von Guantánamo“ war enorm, das Bild der Zelle direkt neben US-Botschaft und Brandenburger Tor beeindruckend. Und die Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamt – auch bei Amnesty nicht immer nur ein Quell der Freude – klappte ebenfalls ausgezeichnet.

Jahrelange Haft ohne Anklage: Nachbau einer Guantánamo-Zelle auf dem Pariser Platz in Berlin am 11. Januar 2012.

War also alles prima? Nicht ganz, wie ich meine. Trotz einer für unsere Verhältnisse wirklich guten Mobilisierung hätte der Publikumszuspruch durchaus besser sein können. Die Verlesung der Namen aller 779 Guantánamo-Häftlinge durch junge Berlinerinnen und Berliner zum Beispiel hätte viel mehr Zuhörer verdient gehabt.

Doch alles in allem war die Kundgebung richtig gutes „old school Amnesty“: fundiert, differenziert und dennoch emotional ansprechend. Und selbstverständlich waren wir nicht die einzigen Amnesty-Mitglieder, die an diesem Jahrestag auf die Straße gegangen waren. Auch in Washington, Ottawa, Paris, Brüssel, Luxemburg und vielen anderen Städten organisierten Amnesty-Aktivistinnen und -Aktivisten Aufsehen erregenden Aktionen.

Gebrochene Versprechen: Auch vor dem Weißen Haus in Washington forderten Amnesty-Mitglieder am 11. Januar 2012 die Schließung des Lagers. Weitere Fotos von den weltweiten Amnesty-Aktionen finden Sie hier.

Insgesamt sammelte Amnesty weltweit mehr als 160.000 Unterschriften, die am 23. Januar 2012 der US-Regierung übergeben wurden - mit der Forderung, das Gefangenenlager zu schließen. Denn zehn Jahre Guantánamo – das sind zehn Jahre zu viel.

 

Bild oben:

Schließt Guantánamo: Amnesty-Kundgebung vor dem Brandenburger Tor in Berlin am 11. Januar 2012.

© Amnesty International / Christopher Schwarzkopf