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Ganz im Hier und Jetzt

21/02/2012 von Ayat Najafi (Regisseur und Mitglied der Amnesty-Jury auf der Berlinale)

Die Berlinale 2012 ist vorbei. Doch zwei Dokumentationen aus Russland und aus Israel lassen den iranischen Regisseur und Amnesty-Juroren immer noch nicht los.

Der iranische Theater- und Filmregisseur Ayat Najafi war Mitglied der Amnesty-Jury auf der diesjährigen Berlinale, die den Amnesty-Filmpreis am vergangenen Freitag an „Just the Wind“ (Csak a szél) von Bence Fliegauf verlieh. Der Film lief in der Sektion Wettbewerb des Festivals und weist „kunstvoll auf die erschreckende Situation der Roma in Ungarn hin", so das Urteil der Jury. Bereits während der Berlinale bloggte der in Teheran und Berlin lebende Regisseur Najafi darüber, was ihm die Menschenrechte bedeuten.

 

Manchmal kann man einfach nicht aus einem Film herausgehen – obwohl man den Kinosaal schon lange verlassen hat. Weil seine Geschichte dich immer noch bewegt und berührt, und sie dich dazu anregt, über das Hier und Jetzt nachzudenken.

Auf der Berlinale habe ich zwei Dokumentationen gesehen, die mich immer noch beschäftigen: "Soldier/Citizen" aus Israel und "Tomorrow" aus Russland. Viele Menschen denken, dass Dokumentationen nur Ereignisse der Vergangenheit behandeln, etwas, das schon lange vorbei ist. Doch ich sehe mir ungern Dokumentationen an, die versuchen, eine Geschichte zu erklären. Ich bevorzuge stattdessen Dokumentationen, die etwas über das Hier und Jetzt aussagen und damit auch über die Zukunft.

In dem Film "Tomorrow" beobachtet ein Kind die anarchischen Aktionen seiner Eltern und deren Freunden, gewissermaßen nimmt es auch daran teil. Sie sind allesamt Mitglieder der russischen Künstlergruppe "Voina" (Krieg). Auf intelligente und humorvolle Art erklären sie der russischen Regierung mit ihrer politischen und provokativen Performance-Kunst den Krieg.

In "Soldier/Citizen" sehen wir eine Gruppe junger israelischer Soldaten beim Staatskundeunterricht. In Uniform, das Gewehr immer in Reichweite, lernen sie, was Demokratie und Zivilgesellschaft bedeuten. Die Schwierigkeiten und Hindernisse, mit denen ihr Lehrer dabei zu kämpfen hat, konfrontieren auch uns mit grundlegenden Fragen:

Was bedeuten Toleranz, Pluralismus, Diskriminierung und Menschenrechte überhaupt?

 

Der Lehrer ist davon überzeugt, dass ein friedliches Zusammenleben möglich ist, ja dass es sogar zwingend erforderlich ist für die Zukunft von Israelis und Palästinensern. Der Film legt uns nicht nahe, den Dialog zwischen den beiden Seiten naiv-romantisch zu verklären, aber er bringt uns dazu, daran zu glauben, wie wichtig er ist.

Die Berlinale ist nun vorbei und ich habe das Festival verlassen. Doch ich denke immer noch darüber nach, welche Möglichkeiten es gibt, ein autoritäres Regime mit künstlerischen Mitteln zu bekämpfen. Und ich denke auch darüber nach, ob wir nicht alle toleranter sein sollten, um die verrückte Welt, in der wir leben, zu verstehen.

 

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Bedroht und schikaniert: Filmschaffende im Iran sind in den vergangenen Jahren verstärkt zur Zielscheibe von Unterdrückung und Repressalien geworden. Setzen Sie sich mit unserer Petition für sie ein! Jetzt mitmachen: http://www.amnesty.de/iran

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Bild oben:

Der Gewinner des Amnesty-Filmpreises 2012: Regisseur Bence Fliegauf (2.v.r.) mit den Amnesty-Jurymitgliedern Markus Beeko, Birgit Minichmayr und Ayat Najafi.

© Amnesty International