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"Amnesty ist unsere Lebensversicherung"

23/02/2012 von Ingo Jacobsen (Mitglied der Koordinationsgruppe für Südafrika und das südliche Afrika)

Egal ob in Simbabwe, Guatemala oder anderen Teilen der Welt: Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger leben gefährlich. Sie können ihre Arbeit oft nur unter hohen Risiken leisten. Sie werden verfolgt, obwohl sie mit friedlichen Mitteln für ihre Ziele kämpfen. Deshalb brauchen Sie unsere Unterstützung! So wie die Organisation WOZA aus Simbabwe und die Menschenrechtsaktivistin Norma Cruz aus Guatemala.

Ingo Jacobsen ist seit über 30 Jahren Mitglied der Amnesty-Koordinationsgruppe für Südafrika und das südliche Afrika. Außerdem koordiniert er seit 10 Jahren auf ehrenamtlicher Seite auch die Arbeit zur Unterstützung von Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidigern.

 

Vor knapp zehn Jahren gründeten mutige Frauen in Simbabwe die Menschenrechtsorganisation „Women of Zimbabwe arise“ (WOZA). Seitdem kämpfen sie mit friedlichen Mitteln für eine Verbesserung der sozialen, wirtschaftlichen und menschenrechtlichen Situation in ihrer Heimat und gegen die repressiven Gesetze der Regierung von Präsident Robert Mugabe. Seit 2006 engagieren sich auch Männer bei WOZA. Bei ihren Protestaktionen singen und tanzen die Aktivistinnen und Aktivisten und verteilen Rosen im Angesicht von Schlagstöcken. Nur zu gut kennen die WOZA-Mitglieder Simbabwes Polizeiwachen und Gefängnisse von innen.

Im Oktober 2005 bin ich den Frauen von WOZA zum erstenmal persönlich begegnet. Auf einer „Speakerstour“ kamen die beiden Leiterinnen von WOZA, Jenni Wiliams und Magodonga Mahlangu, sowie Siphiwe Maseko nach Berlin. Die Kraft und Energie, die von ihnen ausging, beeindruckte jeden, egal ob bei Vorträgen, bei Gesprächen im Auswärtigen Amt oder bei den Treffen mit Partei-Vertretern.

Darüberhinaus sind mir vor allem zwei Ereignisse in Erinnerung geblieben. Gegenüber dem Auswärtigen Amt war mit bedruckten Plastikbahnen ein Teil der Schinkelschen Bauakademie „wiederhergestellt“ worden, um wie schon beim Berliner Stadtschloss für deren Wiederaufbau zu werben. Diese Plastikbahnen wollten die Frauen von WOZA unbedingt berühren und sich genauer ansehen. Dass man hier so schön mit roten Backsteinen bemalte Plastikbahnen so „nutzlos“ aufspannte, war für sie fast unvorstellbar. In ihrer Heimat hatte die Regierung nur wenige Monate zuvor bei einer Aktion, die sie Operation „Murambatsvina“, (Müllentsorgung) nannte, über 700.000 Menschen aus deren Häusern vertrieben und dann die Unterkünfte niedergewalzt. Als Ersatz für ihre Wohnungen mussten sich die Menschen aus zusammen gesuchten Plastikstücken Verschläge bauen, in denen sie auch jetzt noch nach mehr als sechs Jahren leben müssen.

Nach dem Besuch beim Auswärtigen Amt haben wir kühlen Deutschen dann bei einer Demonstration durch die Mitte Berlins von den WOZA-Frauen gelernt, wie man richtig demonstriert, Parolen ruft und Rosen verteilt. Jenni, Magodonga und Siphiwe waren hellauf begeistert, wie freundlich die deutschen Polizisten sie dabei begleiteten. Von Simbabwe kannten sie es nur, dass die Polizei auf sie einschlug und sie verhaftete. Ein gemeinsames Foto mit freundlichen Polizisten, denen sie zuvor Rosen geschenkt hatten, wollten sie auf jeden Fall mit nach Hause nehmen und ihren Kolleginnen zeigen.

Schöne Erfahrung: Bei ihrer Demonstration in Berlin im Oktober 2005 waren die WOZA-Aktivistinnen begeistert, wie freundlich sich die deutschen Polizisten ihnen gegenüber verhielten. In ihrer Heimat Simbabwe löst die Polizei ihre Demonstrationen regelmäßig mit brutaler Gewalt auf.

Drei Jahre später, im November 2008, zeichnete die deutsche Amnesty-Sektion WOZA mit dem Amnesty-Menschenrechtspreis aus, um deren mutiges Engagement zu würdigen und es einer breiteren Öffentlichkeit in Deutschland bekannt zu machen. Doch wir mussten lange zittern, ob Jenni und Magodonga es überhaupt zur Preisverleihung nach Berlin schaffen würden. Sie waren mal wieder auf einer Demonstration verhaftet und dann angeklagt worden.

Diesmal dauerte ihre Haft fast sechs lange Wochen. Aber dann konnten wir gerade mal einen Tag vor der Preisverleihung gleich vier Frauen von WOZA auf dem Flughafen begrüßen und in die Arme schließen. Da waren sie endlich: das „Team A“ Jenni und Mgodonga sowie das „Reserve-Team B“ Bokani Nleya und Trust Muziwa, die in letzter Minute auf getrennten Wegen anreisen konnten.

Doch trotz dieser Ehrung, und selbst nachdem ihnen der amerikanische Präsident Barack Obama im Weißen Haus den Robert F. Kennedy Preis verliehen hatte, wurden die WOZA-Aktivistinnen in den vergangenen Jahren immer wieder verhaftet. Manchmal war eine Kommunikation mit ihnen nicht möglich, weil sie sich vor der Polizei verstecken und jeden Tag ihre Unterkunft wechseln mussten.

Wurden für ihr Engagement und ihren Mut ausgezeichnet: WOZA-Mitglieder bei der Verleihung des Amnesty-Menschenrechtspreises am 16. November 2008 in Berlin. Links im Bild die Mitbegründerin der Organisation, Jenni Williams.

Doch unsere Unterstützung war und ist nicht umsonst. Jenni Williams ist überzeugt: "Ich heute noch am Leben, weil die internationale Gemeinschaft durch Amnesty International und die Medien von unserer Arbeit erfahren hat".

Erst vor wenigen Tagen haben wir eine neue Unterschriftenaktion gestartet, in der wir die Verantwortlichen in Simbabwe auffordern, für mehr Sicherheit für die WOZA-Mitglieder zu sorgen.

 

Die Zusammenarbeit mit WOZA ist ein gutes Beispiel dafür, wie Amnesty versucht, Menschenrechtsverteidigerinnen und –verteidiger zu unterstützen – und das auch über mehrere Jahre hinweg.

So wie auch im Fall von Norma Cruz. Die 49-Jährige leitet die Frauenrechtsorganisation "Fundación Sobrevivientes" (Stiftung Überlebende) in Guatemala-Stadt. Seit 2008 erhält die unerschrockene Frau immer wieder anonyme Morddrohungen, weil sie sich gegen Gewalt an Frauen und für Gerechtigkeit einsetzt. Auch ihr Mann und ihre Kinder wurden bereits bedroht.

Auch für Norma Cruz und ihre Familie haben wir erneut eine Petition ins Leben gerufen.

 

Setzt sich trotz Morddrohungen unerschrocken für die Rechte anderer ein: Die Menschenrechtsverteidigerin Norma Cruz aus Guatemala.

Die Erfahrungen mit WOZA beweisen uns immer wieder aufs Neue, dass unser Einsatz einen Unterschied machen kann. Ein Satz, den die WOZA-Mitglieder uns gegenüber immer wieder betont haben, ist mir daher besonders im Gedächtnis geblieben: „Amnesty ist unsere Lebensversicherung“.

Eine Versicherung, bei der viele gewöhnliche Menschen mit kleinen Beiträgen wie einer Unterschrift unter eine Petition dafür sorgen können, dass denjenigen, die wirklich in Gefahr sind, geholfen werden kann.

Helfen auch Sie uns dabei, Menschenrechtsverteidigerinnen und – verteidiger zu verteidigen! Machen Sie mit bei den Unterschriftenaktionen für WOZA und Norma Cruz!

 

Bild oben:

Setzen sich friedlich für die Menschenrechte in Simbabwe ein: die Mitglieder der Organisation "Women/Men of Zimbabwe arise" (WOZA).

© Amnesty International