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"Niemand nimmt solche Risiken freiwillig auf sich"

17/07/2014 von Sonja Wiencke (Amnesty-Hochschulgruppe Passau)

Vom 12. Juli bis 19. Juli findet in der bulgarischen Hauptstadt Sofia das von Amnesty International organisierte "Human Rights Camp" statt. 80 Aktivistinnen und Aktivisten aus 30 Ländern sind dort zusammengekommen, um auf die katastrophale Situation von Flüchtlingen an den EU-Außengrenzen aufmerksam zu machen. Eine der Aktivistinnen ist Sonja Wiencke aus Deutschland.

Sonja Wiencke (21) beendet gerade ein Bachelor-Studium in „European Studies“ an der Universität Passau. Sie ist seit dem Studium Mitglied der Amnesty-Hochschulgruppen in Passau und Växjö (Schweden) und will dieses Engagement in irgendeiner Form später einmal zum Beruf machen.

 

Das "Human Rights Camp" in Sofia ist inzwischen in vollem Gange. Zwischen Freitag und Sonntag erreichten irgendwann alle Teilnehmer unseren Campingplatz außerhalb der Stadt. Einige Flüge waren gestrichen worden und drei Teilnehmer, die selbst als Flüchtlinge in Italien leben, wurden am Flughafen in Sofia aufgehalten - und das trotz gültiger Papiere und offizieller Einladung von Amnesty International. Erst nach einer Bürgschaft durch eine der bulgarischen Organisatorinnen durften sie den Flughafen verlassen und zu uns ins Camp weiterreisen. Dieser Vorfall führte uns noch einmal vor Augen, weshalb wir alle hier sind.

In den folgenden einführenden Workshops lernten wir unter anderem, wie sich die Situation für Flüchtlinge in Bulgarien im vergangenen Jahr verändert hat, nachdem im Herbst eine bisher noch nie da gewesene Zahl von Flüchtlingen ins Land gekommen waren, vor allem aus Syrien. Wir sprachen mit Freiwilligen in Flüchtlingsheimen und mit der Menschenrechtsorganisation "Helsinki Committee" vor Ort, die berichteten, wie sich die Lage in den Heimen langsam verbessert. Nichtsdestotrotz sind sogenannte "Pushback"-Operationen, also das illegale Zurückweisen von Flüchtlingen an der Grenze, und mangelnder Zugang zu Asylverfahren weiterhin ein großes Problem.

Außerdem eröffneten wir mit einer Diskussion eine Fotoausstellung mit persönlichen Geschichten von todesmutigen Grenzübertritten und dem Leben in Asylbewerberheimen. Diese Bilder machten uns alle sehr betroffen. Am Montag gab es auch positive Geschichten: Aktivisten und Mitarbeiter der Organisationen "friends of refugees" und "multikulti collective" erzählten uns, wie sie mit informellen Netzwerken und unglaublich großer Hilfsbereitschaft unter den Einwohnern Sofias direkte Hilfe in die Asylbewerberheime bringen konnten und wie interkulturelle Kochabende zur Integration beitrugen.

Sind engagiert bei der Sache: Teilnehmerinnen und Teilnehmer des "Human Rights Camp" in Sofia.

Besonders beeindruckend waren jedoch die persönlichen Fluchtgeschichten von einigen unserer Teilnehmer aus Kamerun, der Demokratischen Republik Kongo, Nigeria, der Zentralafrikanischen Republik oder dem Kosovo.

"Niemand macht diese Reise freiwillig. Niemand riskiert freiwillig sein Leben auf dem Mittelmeer. Woher nehmt ihr in Europa das Recht, uns zu verurteilen?", sagte zum Beispiel Mazid aus Nigeria. Meine Reaktion auf diese Geschichten war nicht nur ungeheurer Respekt gegenüber den Flüchtlingen. Sondern ich will jetzt noch viel mehr als vorher irgendetwas tun, um endlich zu verhindern, dass Flüchtlinge auf dem Mittelmeer oder an anderen Grenzen der EU auf der Suche nach Schutz ihr Leben verlieren.

Bisher haben wir schon einige Fotoaktionen gemacht. Morgen, am 18. Juli, findet die große öffentliche Aktion im Zentrum Sofias statt. Wir alle sind motivierter als je zuvor. Mazid sagte: "Ich will einfach nur nicht, dass kommende Generationen dasselbe durchmachen müssen wie wir".

 

Werdet aktiv! Macht mit bei der Online-Petition von Amnesty International und fordert mehr Rechte und Schutz für Flüchtlinge: http://www.amnesty.de/sos-europa
 

Mehr Informationen zum „Human Rights Camp“ und zur Kampagne findet ihr hier: http://www.whenyoudontexist.eu
 

 

 

Bild oben:

Vertreten die deutsche Amnesty-Sektion beim "Human Rights Camp" in Sofia: Margit, Juliane, Sonja und Deborah (v.l.n.r.).

© Amnesty International