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Den Kopf voller neuer Eindrücke und Ideen

21/07/2014 von Sonja Wiencke (Amnesty-Hochschulgruppe Passau)

Am Samstag endete in der bulgarischen Hauptstadt Sofia das von Amnesty International organisierte "Human Rights Camp". 80 Aktivistinnen und Aktivisten aus 30 Ländern waren dort vom 12. bis 19. Juli zusammengekommen, um auf die katastrophale Situation von Flüchtlingen an den EU-Außengrenzen aufmerksam zu machen. In diesem Blog-Text berichtet Camp-Teilnehmerin Sonja Wiencke aus Deutschland über ihre Erlebnisse.

Sonja Wiencke (21) beendet gerade ein Bachelor-Studium in „European Studies“ an der Universität Passau. Sie ist seit dem Studium Mitglied der Amnesty-Hochschulgruppen in Passau und Växjö (Schweden) und will dieses Engagement in irgendeiner Form später einmal zum Beruf machen.

 

Das „Human Rights Camp“ in Bulgarien ist vorbei. Seit zwei Tagen bin ich wieder zurück in Deutschland und bin immer noch dabei, die Eindrücke zu verarbeiten. Was ich im Camp und vor allem in Gesprächen mit Flüchtlingen erlebt und gelernt habe, lässt mich immer noch nicht los, denn ich weiß: ich bin zuhause, aber die Flüchtlinge, die in Europa Schutz suchen, haben ihr Zuhause verloren. Und statt ihnen zu helfen, gibt die EU Milliarden aus, um ihnen die Wege nach Europa zu versperren. Immer wieder verlieren Menschen auf der Flucht nach Europa deswegen ihr Leben. Dagegen wollten wir mit dem Camp ein Zeichen setzen!
 
Die letzten Tage des Camps standen daher ganz im Zeichen der beiden Aktionen, auf die wir uns in einem großen Brainstorming-Prozess mit allen 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmern geeinigt hatten: ein Videodreh an der bulgarisch-türkischen Grenze und eine öffentliche Aktion mit einem großen nachgebauten Grenzzaun in der Innenstadt von Sofia. Zweieinhalb Tage hatten wir Zeit, um diese Aktionen in verschiedenen Gruppen vorzubereiten.

Ich war die Sprecherin der „Sofia Action Group“, was bedeutete, dass ich nicht nur unsere Gruppentreffen moderierte, sondern vor allem immer hin und her laufen musste, um Leuten aus anderen Gruppen zu erzählen, was wiederum andere Leute erzählt hatten. Diese zwei Tage waren komplett gefüllt mit intensiver Arbeit, vielen Absprachen, kleineren organisatorischen Schocks und detailgenauer Vorbereitung. Die Erfahrungen, die wir dabei gemach haben, waren sehr lehrreich und werden sicherlich sehr nützlich sein, wenn wir irgendwann einmal wieder Aktionen planen und koordinieren müssen. Das nächste Mal würde ich beispielsweise früher sicherstellen, dass wir die nötigen Genehmigungen für die geplante Aktion haben...

Im "Einsatz" an der bulgarisch-türkischen Grenze: Teilnehmerinnen und Teilnehmer des "Human Rights Camp".

Das Video an der Grenze ist wirklich beeindruckend geworden. Was darin zu sehen ist? Nun, das soll an dieser Stelle noch nicht verraten werden... Aber in wenigen Tagen wird es veröffentlicht werden und ihr könnt schon mal gespannt sein - das Warten wird sich definitv lohnen!

Das Video wurde frühmorgens um 4 Uhr gedreht, was für die dafür zuständige kleine Gruppe von Aktivistinnen und Aktivisten eine schlaflose Nacht bedeutete. Schließlich lag unser Camp fünf Stunden Autofahrt von der Grenze entfernt, sodass sie Donnerstagabend dort hinfahren, das Video drehen und rechtzeitig wieder zurückkommen mussten, um am Freitag bei der Aktion in Sofia dabei sein zu können. Der Rohfassung dieses Videos nach zu urteilen war es aber auf jeden Fall jede Mühe wert.

Während also ein Teil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf der bulgarischen Autobahn der Grenzpolizei auf Patrouille begegnete und ausweichende Antworten über ihr Ziele angab, wurde im Camp noch fieberhaft an Plakaten und an unseren Grenzzäunen gebastelt. Um zwei Uhr in der Nacht waren wir schließlich zufrieden - es konnte losgehen!

Am Freitag fanden wir uns schließlich alle zur Mittagszeit in Sofia ein. Der Regen, der in den vorangegangen Tagen unser ständiger Begleiter gewesen war, hörte genau im richtigen Moment auf. Vom Justizpalast aus bewegte sich eine lange Reihe von schweigenden Aktivistinnen und Aktivisten den Vitoshka-Boulevard hinunter, die größte Einkaufsstraße der Stadt. Auf ihren schwarzen T-Shirts und auf den Plakaten und Schildern in ihren Händen standen Botschaften und Zitate von Flüchtlingen.

S.O.S. Europa: Protestzug von Amnesty International auf dem Vitoshka-Boulevard in Sofia.

Am anderen Ende des Boulevards hatten einige Aktivistinnen und Aktivisten, die mit Anzügen und ausdruckslosen Gesichtsmasken als "EU-Führungspersonen" verkleidet waren, einen Grenzzaun aufgebaut.

"Ihr kommt hier nicht rein!": Mit einem Grenzzaun stellten Amnesty-Aktivistinnen und -Aktivisten in der Innenstadt von Sofia die abweisende Flüchtlingspolitik der EU nach.

Als die Gruppe den Zaun erreicht hatte, wurde dieser nach und nach mit den Plakaten und mit persönlichen Gegenständen von uns behängt, bis die „EU-Politiker“ und der abweisende, unpersönliche Zaun vollständig mit persönlichen Geschichten und Kampagnenslogans verdeckt waren.

Komplett bedeckt mit Kampagnenslogans und persönlichen Gegenständen: Der nachgebaute Grenzzaun am Ende der Aktion.

Mit dabei bei der Aktion waren außer den Camp-Teilnehmerinenn und -Teilnehmern auch einige Flüchtlinge aus Sofia und Passanten, die sich uns anschlossen, sowie eine große Gruppe von Journalistinnen und Journalisten. Über unsere Aktion wurde im Radio berichtet und am folgenden Tag auch in allen großen Zeitungen, sogar in Italien und Frankreich. Ein bemerkenswerter Erfolg!

Jetzt sind wir alle wieder zuhause, den Kopf voller neuer Eindrücke und Ideen vom Camp. Ich bin dankbar für all das, was ich an Praktischem und Ideellem von dort mitnehmen durfte. Und vor allem hat es mich gefreut, so viele engagierte Menschen kennenzulernen, mit ihnen intensiv diskutieren und von ihnen lernen zu können. Ausnahmslos alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren auf ihre Art inspirierend und ich bin froh, solch geniale neue Freundinnen und Freunde gefunden zu haben.

Es gibt bereits erste Pläne für gemeinsame Aktionen von verschiedenen Amnesty-Sektionen, und ich bin sicher: Wir werden in Kontakt bleiben und weiter gemeinsam auf Europas inhumane Flüchtlingspolitik und seine tödliche Grenzen aufmerksam machen. So lange, bis sich daran endlich ernsthaft etwas ändert!

 

Mach auch Du Druck auf die Verantwortlichen und werde aktiv! Mach mit bei der Online-Petition von Amnesty International und fordere mehr Rechte und Schutz für Flüchtlinge: http://www.amnesty.de/sos-europa

 

Mehr Informationen zum „Human Rights Camp“ und zur Kampagne findest du hier: http://www.whenyoudontexist.eu

 

 

Bild oben:

Protestaktion der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des "Human Rights Camp" gegen die EU-Flüchtlingspolitik am 18. Juli 2014 in Sofia.

© Amnesty International