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"Die Hilfsbereitschaft der Menschen hat mich beeindruckt"

28/09/2014 von Online-Team (Abt. Kommunikation & Kampagnen, Amnesty Deutschland)

Schauspieler Benno Fürmann unterstützt Amnesty International seit mittlerweile fast neun Jahren. Der Einsatz für Flüchtlinge ist ihm dabei besonders wichtig. Daher ist er seit Donnerstag mit einer internationalen Amnesty-Delegation in Italien unterwegs, vor dessen Küste sich immer wieder Flüchtlingstragödien ereignen. Im Interview redet er über gelebte Nächstenliebe, falsche Spiele mit der Angst und Glück in der "Geburtslotterie".

 

Selmin Çalışkan, Generalsekretärin der deutschen Amnesty-Sektion, und Benno Fürmann auf Lampedusa.

Du warst in den vergangenen Tagen unter anderem auf Lampedusa und Sizilien. Was hat dich auf eurer Reise bisher am meisten beeindruckt?
Die große Hilfsbereitschaft und das außergewöhnliche Engagement der Menschen, die wir hier kennenlernen durften. Einige haben selbst nicht viel, aber sie handeln trotzdem zutiefst human und zeigen eine große Empathie den Flüchtlingen gegenüber. Wir haben uns beispielsweise am Samstag in der sizilianischen Stadt Agrigento mit zwei Ordensschwestern getroffen, die ein Netzwerk von über 100 Personen aufgebaut haben, die Flüchtlinge tatkräftig unterstützen. Als im vergangenen Jahr bei dem Bootsunglück am 3. Oktober an die 390 Flüchtlinge vor Lampedusa ertranken, haben die Ordensschwestern Überlebende und Angehörige der Opfer bei sich aufgenommen. Das ist gelebte Nächstenliebe und dafür habe ich höchsten Respekt. Auch vor Giuseppe Cannarile, dem Kommandanten der Küstenwache von Lampedusa. Er war damals bei dem Unglück im Einsatz und man merkt ihm an, dass ihn das Erlebte wohl niemals mehr loslassen wird. Wenn man mit jemandem spricht, von dem man weiß, dass er dutzende Leichen auf dem Wasser hat treiben sehen und von überall Hilfeschreie hörte, dann bleibt einem das noch lange im Gedächtnis. Ich habe aber auch den Eindruck, dass das Unglück für viele in Italien, aber auch in Europa ein emotionaler Weckruf war – aber leider nicht für die Regierungen.

Benno Fürmann mit Giuseppe Cannarile, dem Kommandanten der Küstenwache von Lampedusa.

Inwiefern?
Nach dem Unglück hat sich das Engagement der Zivilgesellschaft noch einmal verstärkt. Immer weniger Leute wollten sich damit abfinden, dass vor ihrer Küste Menschen sterben, weil sie Schutz vor Krieg und Gewalt suchen, und dass diejenigen, die es an Land schafften, kaum Unterstützung erfuhren. Dieses Engagement ist beeindruckend! Aber das Problem ist: das, was die Zivilgesellschaft in Lampedusa, Sizilien und andernorts leistet, wäre eigentlich die Aufgabe des italienischen Staates und der EU. Das Unglück vom 3. Oktober jährt sich bald zum ersten Mal, und man muss sich fragen: Was ist seitdem auf politischer Ebene geschehen? So gut wie nichts! Es braucht anscheinend noch mehr Katastrophen, bevor die Politik aufwacht und beginnt zu handeln. Und bis dahin müssen noch mehr Menschen sterben als ohnehin schon – das macht mich wütend!

Am Samstagabend hast du gemeinsam mit den anderen Amnesty-Aktivistinnen und –Aktivisten in Agrigento mit einer öffentlichen Aktion gegen die Abschottungspolitik der EU protestiert. Wie wurde die Aktion angenommen?
Wir waren auf jeden Fall ein Hingucker und haben für viel Aufsehen gesorgt. Viele Passanten blieben stehen, und immer wieder kamen Menschen zu uns, um unsere Petition zu unterschreiben oder mit uns zu reden. Die Passanten waren überrascht, als sie merkten, dass unsere Delegation nicht nur aus italienischen Amnesty-Aktivistinnen und -Aktivisten bestand, sondern dass auch Deutsche und Franzosen dabei waren. Das hat sie sehr gefreut. Denn die Menschen fühlen sich von der eigenen Regierung, aber vor allem von Europa allein gelassen bei der Unterstützung der Flüchtlinge. Daher wollten wir ihnen mit unserer Delegationsreise, den vielen Gesprächen und der öffentlichen Aktion zeigen, dass nicht ganz Europa wegschaut. Dass es in vielen Ländern Menschen gibt, die wissen, was hier geleistet wird. Wir von Amnesty wollten ein Zeichen der Solidarität setzen – und das ist uns hoffentlich auch gelungen.

SOS Europa: Amnesty-Aktion in Agrigento am 27. September 2014.

Wie kam es, dass du dich vor allem für das Thema Flüchtlingsschutz engagierst?
Ich hatte verdammt viel Glück, da geboren zu sein, wo ich geboren bin, in doppelter Hinsicht. Zum einen in Deutschland, im Herzen Europas, in Sicherheit. Und dann auch noch in Berlin-Kreuzberg aufwachsen zu können, wo ich ein unglaubliches Miteinander erlebt habe zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft. Und es ist für mich unbegreiflich, warum sich Europa so verschließt vor den Möglichkeiten, Menschen aus anderen Teilen der Welt aufzunehmen, die beispielsweise in Deutschland Schutz suchen – aber die natürlich auch so viel zu geben haben und die unsere Gesellschaft mitgestalten können. Das Bild, was nicht nur von den Medien gezeichnet wird, sind Drogen verkaufende Afrikaner. Aber man vergisst dabei, wie Flüchtlinge und Migranten unser Zusammenleben positiv beeinflussen können in intellektueller, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht. Wir verpassen die Chance, potentielle Leistungsträger zu uns einzuladen und bei uns aufzunehmen. Und das in Deutschland mit seiner immer älter werdenden Bevölkerung.

In Deutschland und anderen Staaten greifen Politiker wieder gerne auf das Argument „Das Boot ist voll“ zurück. Was denkst du, wenn du solche Aussagen hörst?
Für so etwas habe ich absolut kein Verständnis. Wir sind Lichtjahre davon entfernt zu sagen: „Das Boot ist voll“. Wer so etwas sagt, kann sich doch nicht mehr selbst im Spiegel ansehen. Wovon reden wir? Von einer Flüchtlingszahl von vielleicht 60.000 bis 100.000 im Jahr, bei einer Gesamtbevölkerung von 83 Millionen? Wie um alles in der Welt kann man da sagen: „Das Boot ist voll“? Doch es gibt leider genug Politiker, die Ängste vor Überfremdung und vor dem Verlust der sozialer Absicherung schüren und instrumentalisieren. Das darf die Gesellschaft nicht zulassen! Wir in Europa haben sehr viel Glück gehabt bei der "Geburtslotterie", daher sollte es unsere moralische Verpflichtung sein, Menschen Schutz zu gewähren, die in ihrer Heimat verfolgt werden. Ich finde es zum Beispiel toll, dass die deutsche Regierung zugesagt hat, 20.000 syrische Bürgerkriegsflüchtlinge aufzunehmen. Doch dies reicht nicht aus und kann nur ein erster Schritt sein.

Benno Fürmann in einem Wrack eines Flüchtlingsbootes auf dem "Schiffsfriedhof" von Lampedusa.

Was muss sich deiner Meinung ändern?
Europa muss weniger Geld für Abschottung und Überwachung ausgeben und stattdessen ein System aufbauen, das Menschen die Möglichkeit gibt, nicht ihr Leben riskieren zu müssen, um einen Schutzstatus zu beantragen. Fluchtwege müssen ermöglicht werden, so dass Menschen nicht in die Illegalität gezwungen werden. Und die EU muss Italien endlich mehr bei der Seenotrettung unterstützen: Italien hat seit Oktober 2013 im Alleingang 140.000 Flüchtlinge im Mittelmeer gerettet. Doch kein anderer EU-Staat unterstützt Italien dabei. So wie die Zustände jetzt sind, sind sie grundlegend falsch. Wir dürfen es nicht zulassen, dass Menschen, die Hilfe und Schutz suchen, auf dem Meer ihr Leben verlieren. Der europäische Humanismus darf nicht länger erst auf dem Festland beginnen – sondern auch schon auf dem Wasser.

 

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Ingeborg Heck-Böckler: Europa, was machst du an deinen Grenzen?!

Selmin Çalışkan: "Das ist eine Schande für Europa"

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Bild oben:

Selmin Çalışkan, Generalsekretärin der deutschen Amnesty-Sektion, und Benno Fürmann bei der Amnesty-Aktion in Agrigento am 27. September 2014.

© Amnesty International / Giuseppe Chiantera