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Europa, was machst du an deinen Grenzen?!

30/09/2014 von Ingeborg Heck-Böckler (Mitglied der Asylgruppen in Aachen & Eupen)

Seit 35 Jahren ist Ingeborg Heck-Böckler Mitglied von Amnesty International, seit 13 Jahren setzt sie sich vor allem für den Schutz von Flüchtlingen ein. Am Wochenende nahm sie an einer Delegationsreise von Amnesty nach Italien teil. In diesem Blog-Beitrag schreibt sie über ihr Engagement, über bewegende Treffen mit Helfern auf Sizilien und wie man den Machthunger von Politikern für die gute Sache nutzen kann.

In den Amnesty-Beratungsstunden für Flüchtlinge in Aachen sitzen mir immer wieder Menschen gegenüber, die mir schreckliche Geschichten von ihrer Flucht erzählen. Darunter sind auch immer wieder Flüchtlinge, die in schäbigen und völlig überfüllten Booten über das Mittelmeer gekommen sind und dabei fast gekentert wären. Die von Trinkwasserknappheit berichten und der Enge, die mitunter das Atmen schwer machte. Die bei der Flucht über die hohe See Angehörige verloren haben und selbst nur knapp mit dem Leben davon gekommen sind – um dann in Italien in verwahrlosten Zentren untergebracht zu werden, wo sie keine Nahrung erhielten und man nur abwechselnd schlafen konnte, weil zu viele Menschen auf einmal in den kleinen Räumen waren.

Sie berichteten mir aber auch von großartigen Menschen, die ihnen geholfen und sie unterstützt hatten. Von Matrosen und Offizieren der italienischen Marine, die auf dem Meer mitunter ihr eigenes Leben riskierten, um Flüchtlinge zu retten, und von Aktivistinnen und Aktivisten, die sich trotz widriger Umstände für Flüchtlinge und Asylsuchende einsetzen.

Diese Menschen wollte ich unbedingt kennenlernen! Daher bin ich am Samstagmorgen nach Sizilien geflogen, um mich der Amnesty-Delegation anzuschließen, die aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Mitgliedern der deutschen, französischen und italienischen Amnesty-Sektionen bestand und die bereits seit Donnerstag in Italien unterwegs war. Auf der Reise wollte ich auch weitere Fotos machen für meine geplante Ausstellung „Europa, was machst du an deinen Grenzen?!“, die sich mit den Missständen an den EU-Außengrenzen beschäftigen wird.

Amnesty-Generalsekretärin Selmin Çalışkan und Ingeborg Heck-Böckler im Gespräch mit einer der Ordensschwestern von der Schwesterngemeinschaft in Agrigento.

Ebenso wie die Delegationsteilnehmer Selmin Çalışkan und Benno Fürmann war auch ich besonders von den Ordensschwestern beeindruckt, die wir in Agrigento trafen. Mit ihrer Schwesterngemeinschaft haben sie ein Netzwerk von 100 ehrenamtlichen Helfern aufgebaut, die sich für Flüchtlinge einsetzen. Als eine Helferin vor kurzem verstarb, vermachte sie ihr Haus der Initiative und verfügte in ihrem Testament, dass das Haus in Zukunft ausschließlich als Unterkunft für Flüchtlinge und Asylsuchende dienen soll.

In Italien steht die Unterstützung illegaler Einwanderer unter Strafe. Als wir eine der Ordensschwestern fragten, ob sie nicht zu viel riskierten, lächelte sie und antwortete gelassen: „Wir haben den besten Anwalt auf unserer Seite, den es auf der Welt nur geben kann: den lieben Gott“.

Es hat mich sehr berührt, wie diese Frauen ihrer oft harten Arbeit mit so viel Freude, Gottvertrauen und Bodenständigkeit begegnen und so viel Gutes bewirken.

Gutes bewirken auch die Offiziere und Matrosen der italienischen Marine, die wir in ihrem Stützpunkt in Augusta besuchten. Vor einem Jahr startete Italien im Alleingang die Operation „Mare Nostrum“, bei der nicht das Zurückdrängen von Flüchtlingen im Fokus steht, sondern einzig und allein die Rettung von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer. Mehr als 140.000 Menschenleben konnten so bisher gerettet werden.

Ingeborg Heck-Böckler (Bildmitte) mit Schauspieler und Amnesty-Unterstützer Benno Fürmann (links), Amnesty-Generalsekretärin Selmin Çalışkan und Offizieren der italienischen Marine, die an der Operation "Mare Nostrum" beteiligt sind.

Die Marine-Angehörigen waren uns gegenüber sehr offen und wir konnten uns auf dem Gelände ansehen und fotografieren, was wir wollten. Sie wissen, dass sie eine wichtige Aufgabe haben. Eine Aufgabe, die auch emotional belastet: Einerseits als vielleicht letzte Rettung Menschen aus dem Wasser oder von überfüllten Booten holen – andererseits die Leichen von toten Babys aus dem Meer bergen. Und das geht natürlich auch nicht an den Offizieren und Matrosen spurlos vorbei, sie sind ja keine Roboter, sondern haben teilweise selbst Kinder. Ein Kapitän eines der Marineschiffe sagte mir, er begegne den Flüchtlingen gewissermaßen auf derselben Ebene: „Der Flüchtling denkt: Hoffentlich sinkt das Boot nicht – und ich denke es auch!“.

Imponiert hat mir auch der Amnesty-Bezirk auf Sizilien, der unsere Reise mitorganisiert hatte und der neben dem Flüchtlingsschutz auch zu vielen anderen Themen arbeitet und dabei sehr kreativ ist, auch was das Fundraising angeht: in verschiedenen Pizzerien auf der Insel gibt es eine Amnesty-Pizza, und pro Verkauf geht jeweils 1 Euro direkt an Amnesty. Das ist echt eine tolle – und leckere – Idee!

Als ich für meinen Rückflug am Sonntagabend zum Flughafen nach Palermo fuhr, begleitete mich zufällig der Generalsekretär der italienischen Amnesty-Sektion, Gianni Rufini. Ich stimmt ihm zu als er sagte, dass die Reise ein wichtiges und gutes Signal dafür war, dass die Rettung und Unterbringung von Flüchtlingen nicht nur das Problem der Länder ist, die nun mal zufällig am Mittelmeer liegen – sondern von ganz Europa. Und dass die beteiligten Amnesty-Sektionen vorgemacht hatten, was eigentlich auch die EU-Staaten tun müssten: zusammenarbeiten und gemeinsam an einem Strang ziehen.

Die Amnesty-Delegation beim Integrationsrat von Palermo.

Die verschiedenen Amnesty-Sektionen werden auch weiterhin in ihren Ländern öffentlichen Druck machen und eine humanere Flüchtlingspolitik einfordern - auch wir in Deutschland.

Und öffentlicher Druck kann viel bewirken – denn Politikerinnen und Politiker sind meistens Machtmenschen und wollen wiedergewählt werden. Und das können sie nur, wenn sie genügend Stimmen bekommen. Wenn sie merken, dass die Gesellschaft eine klare Meinung zu einem Thema hat, dann folgen sie ihr für gewöhnlich.

Daher ist es wichtig, dass sich der Bürgerwille ändert und von unten nach oben transportiert wird, dass die Bürgerinnen und Bürger von Deutschland mehr Verantwortung im Flüchtlingsschutz und die Aufnahme von mehr Hilfesuchenden fordern.

Und dazu möchte ich meinen Beitrag leisten, unter anderem mit der Foto-Ausstellung. Denn je mehr Menschen erfahren, warum Flüchtlinge zu uns kommen, was sie erlebt haben und warum sie ihre Heimat verlassen mussten – um so mehr Menschen werden erkennen, dass man diesen Menschen helfen muss. Ich möchte den anonymen „Flüchtlingsströmen“, wie sie in Medien und Politik genannt werden, individuelle Gesichter und Geschichten gegenüberstellen.

Außerdem ist mir bei solchen Reisen sehr wichtig, die Wege und Stationen persönlich kennen zu lernen, die die Flüchtlinge hinter sich bringen mussten, bevor sie beispielsweise in Aachen ein neues Leben mit einer neuen Zukunftsperspektive aufbauen konnte. Ich fühle mich dadurch den Menschen, die ich begleite, noch verbundener und kann noch besser nachempfinden, was sie erlebt haben. Und sie freuen sich, wenn ich ihnen erzähle, dass ich das gleiche Meer und die gleiche Küste, an der sie gestrandet sind, gesehen habe. Sie fühlen die Solidarität, die dahinter steckt – und freuen sich darüber. Und das ist bei allem, was hinter ihnen liegt, schon eine ganze Menge wert.

 

Setzen auch Sie sich für eine humanere Flüchtlingspolitik ein und unterzeichnen Sie unsere Online-Petition an Bundeskanzlerin Merkel! Jetzt mitmachen: http://www.amnesty.de/sos-europa

 

Lesen Sie auch die anderen Blog-Texte über die Amnesty-Reise nach Italien:

Benno Fürmann: "Die Hilfsbereitschaft der Menschen hat mich beeindruckt"

Selmin Çalışkan: "Das ist eine Schande für Europa"

Selmin Çalışkan: Europa darf das Mittelmeer nicht zum Massengrab machen

 

Bild oben:

Wracks von Flüchtlingsbooten auf dem Schiffsfriedhof von Lampedusa im September 2014.

© Amnesty International / Giuseppe Chiantera