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Liebe ist kein Verbrechen!

17/03/2015 von Selmin Çalışkan (Generalsekretärin der deutschen Amnesty-Sektion)
Tags:
Kamerun, LGBTI

Nach anfänglichen Turbulenzen verläuft unsere Kamerun-Reise nun wie geplant. Nach ersten Gesprächen und der Übergabe unseres Menschenrechtspreises an Alice Nkom in Duala sind wir mittlerweile in Jaunde angelangt. Mit im Gepäck: mehr als 54.000 Unterschriften für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und Intersexuellen (LGBTI) in Kamerun!

Von Selmin Çalışkan, Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International

Als Alice Nkom im Jahre 1969 zur Rechtsanwältin ernannt wird, ist sie die erste schwarze Frau, die in Kamerun eine entsprechende Zulassung erhält. 2003 gründet sie mit ADEFHO die erste kamerunische Organisation zur Verteidigung der Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und Intersexuellen. Zehn Jahre später erringt sie den ersten Freispruch in einem kamerunischen LGBTI-Verfahren. Alice gehört zu jenen Menschen, die vorangehen.

Als hoffnungslos hat sie die Situation der LGBTI in Kamerun einmal beschrieben. Nkom selbst wirkt alles andere als das: Mit ihren 70 Jahren sprüht sie förmlich vor Zuversicht und Tatendrang. Ruhestand? Ein unvorstellbares Konzept für die diskutierfreudige Trägerin des siebten Menschenrechtspreises der deutschen Sektion von Amnesty International, den sie vor knapp einem Jahr in Berlin in Empfang genommen hatte. Die Trophäe ließ sie damals in Deutschland und lud mich ein, sie eines Tages eigenhändig abzuliefern.

Gesagt, getan: Seit Donnerstag bin ich zu Gesprächen rund um das Thema LGBTI in Kamerun unterwegs. Mit dabei sind auch Steve Cockburn und Balkissa Ide Siddo, die vom Senegal aus für Amnesty International die Recherchen zu West- und Zentralafrika koordinieren. Aus Deutschland begleiten mich unsere Afrika-Referentin Anika Becher und natürlich Wiltraud von der Ruhr, die seit langen Jahren die Kamerun-Arbeit auf Mitgliederebene leitet und sich hier bestens auskennt.

Bereits unser erstes Gespräch zeigt auf schmerzliche Weise, wie es um LGBTI in Kamerun bestellt ist. Ein junger Mann, Mitte zwanzig, berichtet von jenem Nachmittag, als plötzlich wildfremde Männer vor seiner Tür stehen. Sie zerren ihn hinaus auf die Straße, ziehen ihn aus, schlagen vier Stunden lang auf ihn ein, klemmen ihn in einen Autoreifen und überschütten ihn mit Benzin – nur, weil seine sexuelle Orientierung nicht ihren Vorstellungen entspricht. In letzter Sekunde geht zwar jemand dazwischen, er aber bleibt traumatisiert zurück, und die Täter straflos. Selbst die eigene Familie will mit dem jungen Mann nichts mehr zu tun haben, hat ihn verstoßen: „Meine Eltern sind offensichtlich der Meinung, dass für ihren eigenen Sohn kein Platz auf dieser Erde ist.“ Er sagt das mit ganz leiser Stimme. Die Enttäuschung über seine Familie scheint mehr zu schmerzen als die Erinnerung an all die Schläge und den beißenden Benzingeruch.

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Steve Cockburn, stellvertretender Regionaldirektor von Amnesty International für West- und Zentralafrika, berichtet aus Jaunde in Kamerun über die Situation von LGBTI

Von der Gesellschaft ausgeschlossen, von der Familie geschasst: Was bleibt da noch? Organisationen wie ADEFHO geben auf diese Frage eine Antwort, die nicht selten Leben rettet. Sie bieten medizinische Behandlung, psychologische Beratung, sexuelle Aufklärung, Sicherheitstraining, Rechtsberatung und nicht zuletzt Solidarität, Empathie und Schutz. Sie haben verstanden, wie wichtig es ist, einen Ort zu haben, an dem jeder frei reden und sein kann. An dem niemand als krank abgestempelt wird. Wir sollten alles unternehmen, diese wenigen Rückzugsorte zu erhalten.

Nicht furchtlos, aber mutig – so lässt sich der Zustand der kamerunischen Zivilgesellschaft wohl am besten beschreiben. Tatsächlich regt sich in vielen afrikanischen Ländern vorsichtiger Widerstand gegen die vermeintlich traditionelle Sichtweise auf Homosexualität. Doch nirgends geschieht das so lautstark wie hier. Dabei setzt sich jeder, der seine Stimme erhebt, großen Gefahren aus. Alice – die darüber hinaus zu den wenigen gehört, die LGBTI vor Gericht zu vertreten bereit sind – hat da jedoch ihre ganz eigene Sichtweise: „Diese Drohungen zeigen doch nur, dass unser Kampf weitergehen muss.“

Rückendeckung gibt es erneut auch aus Deutschland. Mehr als 54.000 Petitionen haben wir im Gepäck, in denen die kamerunische Regierung aufgefordert wird, endlich Maßnahmen gegen die Verfolgung von LGBTI zu ergreifen. Wir werden es uns nicht nehmen lassen, die Unterschriften persönlich der kamerunischen Regierung zu überreichen und die darin aufgelisteten Forderungen auf direktem Wege vorzutragen.

Auch Kamerun hat sich international verpflichtet, die gleichen Rechte für alle zu gewähren und die Universalität der Menschenrechte zu verteidigen – ungeachtet der sexuellen Identität oder Orientierung einer Person. Wir werden unseren Aufenthalt in Kamerun nutzen, die Entscheidungsträger aus Staat, aber auch aus den Kirchen an ihre menschenrechtliche Verantwortung zu erinnern. Und der LGBTI-Community können wir mit mindestens 54.000-fachem Nachdruck versichern: Eure Liebe ist kein Verbrechen, sondern euer gutes Recht.

 

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Bild oben:

Alice Nkom und Selmin Çalışkan in den Räumlichkeiten von ADEFHO in Duala, Kamerun

© Amnesty International / Raphael Kreusch