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Zivilgesellschaft in Kamerun: zwischen Mut und Molotow

01/04/2015 von Online-Team (Abt. Kommunikation & Kampagnen, Amnesty Deutschland)
Tags:
Kamerun, LGBTI

Seit fast einer Woche sind wir nun wieder zurück im kühlen Deutschland. Ich habe die Zeit genutzt und versucht, die vielen Eindrücke, Bilder, Ereignisse und Gedanken meiner 14-tägigen Kamerunreise zu sortieren.

Meine erste Kamerunreise unternahm ich im Juli und August des Jahres 1999. Seither haben mich das Land und seine Menschen nicht mehr losgelassen, wenngleich sich vieles radikal verändert hat. Die Bevölkerung beispielsweise hat sich fast verdoppelt. Yaoundé scheint aus allen Nähten zu platzen, ist überfüllt von Menschen und Autos. Aus den vielen Lautsprechern schallt neben den einheimischen Klängen nun auch amerikanischer Rap, die Mode der Jugendlichen ist entsprechend. Jedes freie Fleckchen Erde ist zugebaut; neben den unzähligen ärmlichen Behausungen entdecke ich immer wieder auch glitzernde Glashochhäuser und Wohnpaläste aus den edelsten Materialien.

Kaum habe ich Yaoundé mit dem ICE-Zug verlassen, zeigt sich ein anderes Bild: Stundenlang fahre ich durch überwältigend schöne, fast menschenleere Waldgebiete – bis mich der unmittelbare Einblick in die eng an die Gleise gebauten elendsten Slums wenige Kilometer vor der Hafenstadt Douala wieder jäh aus dieser Idylle herausreißt.

Mehr denn je beobachte ich ein Land der Extreme, in dem der Normalbürger – in der kamerunischen Presse gern „Monsieur Lambda“ genannt – fast ausschließlich damit beschäftigt ist, den ganz banalen Alltag unter schwierigsten Bedingungen zu bewältigen. Ein Blick auf die Infrastruktur und den Aufbau der kamerunischen Behörden lässt beinahe vermuten, die staatlichen Institutionen und politischen Eliten wollten um jeden Preis verhindern, dass sich die Bürger mit ihren sozio-politischen Problemen und Rechten beschäftigen.

Die meist jungen Aktivistinnen und Aktivisten, die wir auf unserer Reise persönlich kennenlernen durften, tun es doch! Ihr unerschrocken-begeisterter Einsatz für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und Intersexuellen (LGBTI) steht dabei in starkem Kontrast zur ungezügelten Gewalt, der sie sich mit ihrem Engagement, ja allein schon mit ihrem eigenen Sein tagtäglich aussetzen. Dass sie als LGBTI-Organisationen keine offizielle Anerkennung erhalten, ist da noch das geringste Problem. Meist melden sie sich als Verbände im Bereich der AIDS-Prävention an und leisten auch hier elementar wichtige Arbeit.

Viel besorgniserregender ist hingegen die beinahe rituelle Gewaltanwendung: Kaum mietet eine LGBTI-Vereinigung einen Raum an oder eröffnet eine Beratungsstelle, wird eingebrochen und geplündert. Oder es fliegt ein Molotow-Cocktail durch die Fensterscheibe. Wir haben im Zuge unserer Reise deshalb den Kontakt zu internationalen Partnerorganisationen hergestellt, die sich für den physischen und digitalen Schutz von Menschenrechtsverteidigern stark machen. Außerdem haben wir versucht, den regelmäßigen Austausch zwischen den kamerunischen Partnerorganisationen zu fördern – denn auch der kann zum Schutz beitragen.

Es ist wirklich beeindruckend, was diese jungen Menschen auf die Beine stellen. Mindestens ebenso begeistert bin ich jedoch von den Aktivistinnen und Aktivisten der älteren Generation, die ihr gesamtes Leben lang unerschütterlich und mutig für die Menschenrechte gekämpft und den massiven Drohungen und Behinderungen ihre Stirn geboten haben – und auch im Alter nicht von ihrer Mission ablassen. Ich nenne sie gern die „Unerbittlichen“ und möchte zwei starke Frauen namentlich erwähnen: Alice Nkom, die sich schwerpunktmäßig für LGBTI und ihre Menschenrechte einsetzt, sowie Madeleine Afité, die vor allem gegen Folter und Straflosigkeit kämpft. Beide durften wir im Zuge unserer Reise erneut treffen.

Wiltraud, Pastor Kenmogne, Selmin und Steve nach dem gemeinsamen Treffen in Duala.

Gerade für Madeleine blieb nur wenig Zeit; ich hätte mich noch stundenlang mit ihr unterhalten können. Doch Pastor Kenmogne wartete bereits auf uns, was uns zum nächsten Aspekt führt, der aus Kamerun ein Land der Extreme macht: die einflussreichen Kirchen. Auf der einen Seite setzt sich da ein Kardinal Tumi immer wieder für die freie Presse und gegen Folter ein, zögert dann aber keine Sekunde, gleichgeschlechtliche Liebe als Sünde und klaren Verstoß gegen die göttliche Ordnung zu erklären. Immerhin können wir uns im Gespräch einigen, dass die systematische Gewalt gegen LGBTI verurteilt gehört – sei es als eklatante Menschenrechtsverletzung oder, wie es der Kardinal ausdrückt, als Angriff auf das höchste christliche Gut der Nächstenliebe.

Dennoch: Eine aktive Unterstützung beim Schutz von LGBTI schließt er (Stand: heute) für sich und seine Kollegen kategorisch aus. Dass es auch anders geht, beweist besagter evangelischer Pastor Kenmogne. Er bezeichnet die LGBTI als ganzheitlichen Teil der göttlichen Schöpfung und die Anerkennung ihrer Rechte als „zivilisatorischen Wandel, den niemand, auch nicht die Kirchen“ werden aufhalten können. Ob er also guter Dinge sei, dass sich innerhalb der Religionsgemeinschaften die Sichtweise auf die Homosexualität eines Tages ändern könnte? Kenmogne bittet um Geduld.

Geduld – eine wichtige Tugend in einem Land wie Kamerun: Mehrfach mussten wir beim Justizministerium vorstellig werden, bevor wir endlich unsere 54.812 Unterschriften für die Rechte von LGBTI überreichen konnten. Auf dem Schreibtisch des Menschenrechtsbeauftragten lugte da bereits ein Brief von Amnesty International aus einem hohen Papierstapel hervor. Eine schwarze Kerze auf gelbem Grund in einem kleinen Büro in Yaoundé – genau darin liegt die Hoffnung vieler Aktivistinnen und Aktivisten in diesem Land: Dass Organisationen wie Amnesty International zwar im Hintergrund agieren, gleichzeitig aber auf möglichst vielen Ebenen Unterstützung leisten, wo internationaler Druck gebraucht wird.

Wie nach jeder Reise komme ich reich an Begegnungen und Worten zurück – und nicht zuletzt an Gesichtern, die ich nun den altbekannten Namen zuordnen kann. Auch kann ich mir endlich ein Bild der vielen Orte machen, an denen die Menschen, denen ich begegnet bin, leben und wirken. Die frischen Impulse haben mich erneut ermuntert, meine Kamerun-Arbeit bei Amnesty International noch einige Jahre fortzusetzen. Und ich hoffe sehr, von dieser Motivation auch etwas an andere Mitglieder weitergeben zu können!

Wiltraud von der Ruhr, ehrenamtliche Kamerun-Koordinatorin der deutschen Sektion von Amnesty International

Mehr Informationen über LGBTI in Kamerun und die Amnesty-Delegationsreise gibt es hier

Bild oben:

Wiltraud von der Ruhr, ehrenamtliche Kamerun-Koordinatorin der deutschen Sektion von Amnesty International mit Madeleine Afité, Aktivistin im Kampf gegen Folter und Straflosigkeit.

© Amnesty International