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"We shall live in peace, some day. We are not afraid, today"

27/05/2015 von Online-Team (Abt. Kommunikation & Kampagnen, Amnesty Deutschland)

Das Gemurmel in den Reihen nimmt langsam ab, die letzten Handtaschen werden verstaut, das Licht ist gedimmt. Als Joan Baez mit grauer Kurzhaarfrisur an der Seite ihrer Laudatorin Patti Smith zum ersten Mal den Saal betritt, wird es dunkel im Haus der Berliner Festspiele. Joan Baez´ Hände sind mit einem Seil an die des "Art For Amnesty"-Gründers Bill Shipsey gefesselt. Unter dem Applaus des ausverkauften Hauses gehen die beiden gemeinsam bis zur Mitte der Bühne und lösen die Fessel über der Amnesty-Kerze. Es ist ein kurzer Moment, der als große Befreiungsgeste wirkt.

Von Rita Schuhmacher

Der Ambassador of Conscience Award sei eine Ehrung für einzigartige Menschen, die durch ihr Engagement zu einer Inspiration für andere würden, sagt die Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland, Selmin Çalışkan. Künstler haben Amnesty International seit den Anfängen der Organisation unterstützt. Wer also sei heute besser dafür geeignet, diese Auszeichnungzu empfangen, als Joan Baez und Ai Weiwei - zwei brillante Personen, die wissen, was es bedeutet, Strafen für ihre Überzeugungen zu riskieren. Selmin Çalışkan wirkt ernst als sie den Abend anmoderiert, schließlich kann einer der beiden Ambassador wegen seines Aktivismus nicht anwesend sein.

Laudator Chris Dercon, Direktor der Tate Gallery of Modern Art in London, erklärt, dass die schwierige Situation Ai Weiweis und die Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit kein Einzelfall seien. Vielen Menschen in China, die Kritik am System äußern, ginge es ähnlich. In seiner Dankesbotschaft verweist Ai Weiwei darauf, dass es anderen Menschenrechtsaktivist_innen viel schlechter gehe als ihm. Die Auszeichnung gebühre denjenigen, die ihr Leben für eine bessere Gesellschaft und  für die Meinungsfreiheit opfern. Er erhalte die Auszeichnung stellvertretend für sie.

Aufgerufen von Chris Dercon kommt der fünfjährige Ai Lao in einem schnieken Blazer und Sneakern auf die Bühne. Unter großem Applaus nimmt er für seinen Vater Ai Weiwei den Ambassador of Conscience Award entgegen. Als dem kleinen Jungen das Mikrofon gereicht wird, sagt Lao mit sanfter Stimme, dass er schon fünf Mal in die Kirche gegangen sei, um für die Rückgabe des Passes seines Vaters zu beten. Ein berührtes Raunen geht durch das Publikum.

Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt begleiten die Preisverleihung musikalisch oder durch schauspielerische Beiträge. Besonders Soul- und Blues-Sängerin Jo Harman beeindruckt mit einer A-Capella Version von "Oh, Freedom" und ihrer unglaublichen Stimme. Von der Atmosphäre überwältigt legt sie ihre Hand unter ihr zitterndes Kinn als sie sich, den Tränen nahe, bei Joan Baez und Ai Weiwei für deren Engagement bedankt.

Auch Laudatorin Patti Smith ist sichtlich bewegt, als sie dem Aktivismus von Joan Baez huldigt. Sie beschreibt ihren Verdienst und ihr Vermächtnis als einen einzigartigen Kampf, mit dem sie gesellschaftlichen Protest ermöglicht und vielen Menschen Zuversicht und Hoffnung gegeben hat. Dabei stockt der Punk-Legende immer wieder die Stimme, Joan Baez ist ihr großes Vorbild.

Etwa 50 Jahre nach dem Bürgerrechtsmarsch in Alabama von Selma nach Montgomery singt Joan Baez nun auch im Haus der Berliner Festspiele das berühmte "We Shall Overcome". Ihre Stimme  ist fest und ihre Augen glänzen, als sie die Bühne betritt. "Gewaltlosigkeit war immer zentral bei allem, was ich in meinem Leben tat", sagt sie. Amnesty International wurde im Jahre 1961 gegründet, Joan Baez trat der Menschenrechtsorganisation ein Jahrzehnt später bei. Lachend erzählte sie, wie sie damals in kleinen Gruppen in Häusern saßen und Postkarten schrieben bis schließlich die ersten gewaltlosen politischen Gefangenen aus Folter und Gefangenschaft entlassen wurden.  

Als zum Ende der Veranstaltung alle Musiker_innen und Künstler_innen auf die Bühne kommen und gemeinsam Bob Dylans "I Shall Be Released" singen, füllen sich Baez Augen mit Tränen. Sie streicht Ensaf Haidar übers Haar und legt ihren Arm um die kleine Frau. Die Ehefrau des saudi-arabischen Bloggers Raif Badawi kämpft seit Monaten gemeinsam mit Amnesty für die Freilassung ihres Mannes und wirkt an diesem Abend angesichts des großen Rückhalts noch etwas entschlossener als sonst.

Bild oben:

Gewaltlosigkeit war immer zentral bei allem, was Joan Baez in ihrem Leben tat

© Amnesty International/Henning Schacht