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Meine erste Woche in Freiheit nach zehn Jahren in Haft

30/06/2015 von Moses Akatugba (Ehemaliger Todesstrafenkandidat aus Nigeria)

Der Nigerianer Moses Akatugba wurde im November 2005 im Alter von 16 Jahren festgenommen, massiv gefoltert und später zum  Tode verurteilt – weil er angeblich Mobiltelefone gestohlen hatte. Amnesty International setzte sich mit weltweiten Kampagnen für ihn und sammelte mehr als 800.000 Briefe und Unterschriften - mit Erfolg: Im Mai 2015 wurde Moses Akatugba begnadigt und aus der Haft entlassen. In diesem Text beschreibt er seine ersten Tage in Freiheit.

Als ich meine Mutter aus dem Gefängnis anrief, um ihr zu sagen, dass ich nach zehn Jahren in Haft begnadigt worden war, fiel sie in Ohnmacht. Mir wurde erzählt, dass sie erst wieder zu sich kam, als man sie mit Wasser übergoss. Als sie mich dann zum ersten Mal nach all diesen Jahren sah, packte sie mich und hielt mich ganz fest. Sie ließ mich fast 15 Minuten lang nicht los. Dabei weinte sie die ganze Zeit über vor Freude.

Mit Fußball und Saft feierte ich mit meinen Freunden aus dem Todestrakt

Auch ich war vor Freude überwältigt, als ich am 28. Mai um 16 Uhr von meiner Begnadigung erfuhr. Zuerst konnte ich gar nichts sagen, ich war so glücklich. Am nächsten Tag organisierte ich ein Fußballspiel zwischen den Insassen des Todestrakts und anderen Häftlingen, um zu feiern. Ich hatte während meiner Zeit in Haft die Fußballmannschaft des Todestrakts trainiert. Wir gewannen 3:0! Alle freuten sich sehr über das Fußballspiel.

"Dein Brief kann Leben retten!": Beim Briefmarathon 2014 arbeitete die deutsche Amnesty-Sektion im vergangenen Dezember erstmals mit Schulen zusammen und motivierte bundesweit viele Kinder und Jugendliche, sich mit Appellschreiben und Briefen u.a. für Moses Akatugba einzusetzen, wie hier am Gymnasium Fürstenried.

An diesem Sonntag besuchte ich die Gefängniskirche. Ich teilte Fruchtsaft und Kekse mit anderen Häftlingen und es wurde eine Ansage zu meiner Freilassung gemacht. Alle freuten sich. Ich hatte Freunde im Gefängnis. Ich brachte anderen Häftlingen Englisch und Mathe bei und diejenigen, die Spaß daran hatten, wurden meine Freunde.

Wenige Tage später wurde ich freigelassen. An meinem ersten Abend zuhause hatte meine Mutter ein besonderes Essen vorbereitet – Okra-Suppe mit Rindfleisch. Die ganze Familie saß zusammen am Esstisch. Danach gab es eine Feier mit Freunden der Familie und wir sangen Lieder, machten Musik und beteten. Wir beteten für all diejenigen, die sich für meine Freilassung eingesetzt hatten, für die Aktivisten von Amnesty International und Justine Ijeomah, den Leiter der nigerianischen Menschenrechtsorganisation „Human Rights Social Development and Environmental Foundation“ (HURSDEF) und seine Frau, Goodness Justine. Alle Gäste teilten die Getränke miteinander.

Die erste Nacht schlief ich in meinem neuen Bett. Ich schlief unglaublich gut. Was mich am meisten überraschte war, dass ich um 5 Uhr morgens nicht den Weckton des Gefängnisses hörte. Ich wartete darauf und merkte schließlich, dass ich nicht träumte, sondern tatsächlich frei war. Als ich das begriffen hatte, fühlte ich mich tief in meiner Seele frei. Die Dinge hatten sich zum Guten gewandt. Ich machte die Augen wieder zu, genoss meinen „Freiheits-Schlaf“ in vollen Zügen und schlief bis 10 Uhr. Meine Familie wollte mich zwischendurch wecken, aber ich sagte ihnen, dass sie mich weiterschlafen lassen sollen. Ich habe unglaublich gut geschlafen.

"Todesurteil gegen Moses Akatugba aufheben!": Unterschriebene Petitionslisten und Appellschreiben für Moses Akatugba, die von der deutschen Amnesty-Sektion gesammelt und im Mai 2015 nach Nigeria verschickt wurden.

„Ich lebe, ich bin kein Geist!“

Als ich an einem meiner ersten Tagen in Freiheit einem alten Schulfreund begegnete, schaute er mich an, als ob er einen Geist gesehen hätte. Wir glauben bei uns, dass ein Geist verschwindet, wenn man Sand auf ihn streut. Mein Schulfreund nahm Sand vom Boden und bewarf mich damit. Ich sagte ihm: „Streu‘ keinen Sand auf mich! Ich lebe, ich bin kein Geist!“ Er fasste mich an und umarmte mich. Er hatte geglaubt, dass ich hingerichtet worden wäre. Er sagte mir, dass er niemals das letzte Mal vergessen würde, als er mich vor meiner Festnahme vor zehn Jahren gesehen hatte.

Zuhause fühlte sich alles seltsam an, obwohl ich natürlich unglaublich erleichtert darüber bin, frei zu sein. Viele Dinge haben sich seit meiner Festnahme vor zehn Jahren verändert: Es wurden neue Brücken gebaut und überall werden Laptops und Telefone genutzt.

"Gerechtigkeit für Moses Akatugba!": Auch in Togo setzten sich Amnesty-Mitglieder im Rahmen der weltweiten Kampagne "Stop Folter" für Moses Akatugba ein (September 2014).

Ich trete dem Kampf gegen Folter bei

Jetzt, wo ich frei bin, will ich mich weiterbilden und das erreichen, wovon ich schon immer geträumt habe: Ich möchte Arzt werden, um die Wünsche meines verstorbenen Vaters zu erfüllen. Ich werde mich aber auch als Menschenrechtsaktivist einsetzen und Menschen helfen, die sich in der gleichen Lage befinden, in der ich mich befunden habe. Ich habe schon einen Antrag ausgefüllt und ein Passfoto gemacht – das sind Voraussetzungen für die Arbeit als ehrenamtlicher Aktivist bei der HURSDEF. Der Leiter, Justine, begrüßte mich als „Kamerad Moses Akatugba“. Ich sagte ihm: "Justine, Ich trete dem Kampf gegen Folter bei, damit andere nicht das gleiche Leid erfahren müssen, wie ich".

 

Werdet aktiv! Beteiligt euch an der Kampagne "Stop Folter" und setzt euch für Menschen ein, die wie Moses Akatugba Opfer von Folter geworden sind! Jetzt mitmachen: http://www.stopfolter.de

 

 

Bild oben:

Moses Akatugba nach seiner Freilassung (Juni 2015).

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