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Die neue Generation von Ayotzinapa

12/11/2015 von Josefina Salomón (Mitarbeiterin von Amnesty International in Mexiko)

Im September 2014 "verschwanden" 43 Studenten eines Ausbildungszentrums für Lehrkräfte in Iguala im Bundesstaat Guerrero. Bis heute ist nicht bekannt, was mit ihnen geschah. Das nachlässige Vorgehen der mexikanischen Behörden bei den seither durchgeführten Ermittlungen gibt eine skandalöse Vertuschung preis, die von höchster Regierungsebene eingefädelt wurde, so Amnesty International. Amnesty-Mitarbeiterin Josefina Salomón berichtet im Blog, wie sich seitdem nichts gebessert hat.

Vor kaum mehr als einem Jahr war dies ein unscheinbarer Ort. Ein Ausbildungszentrum auf dem Land, versteckt in einem grünen Winkel des südmexikanischen Bundesstaats Guerrero.

Doch heute reicht ein Gang durch das Ausbildungszentrum für Lehrer Escuela Normal Rural Raúl Isidro Burgos in Ayotzinapa aus, um zu verstehen, wie es derzeit um die Menschenrechte in Mexiko bestellt ist.

Dreiundvierzig orangefarbene Stühle stehen in Reih und Glied in einer Ecke des verwahrlosten Basketballplatzes im Freien, umgeben von Dutzenden heruntergekommenen Gebäuden, in denen etwa 500 junge Männer lernen, essen und schlafen. Auf jedem der Stühle befindet sich ein Foto, daneben ergreifende Briefe, orangefarbene Blumen und Geschenken. Sie erzählen eine tragische Geschichte.

"Nicht jeder kann das durchstehen, was uns widerfahren ist“, sagt mir Mario, der hier im ersten Semester studiert.

Mario bezieht sich damit auf die brutale willkürliche Festnahme und das Verschwindenlassen von 43 Studenten des Ausbildungszentrums durch die Polizei am 26. September 2014 in der nahegelegenen Stadt Iguala. Inzwischen weiß man, dass bei dem Angriff durch die Polizei sechs Personen, darunter drei der Studierenden, getötet wurden. Die jungen Männer hatten versucht, Busse zu kapern, um damit zu einer Demonstration in Mexiko-Stadt zu fahren. Sie sind nie wieder aufgetaucht.

Der 20-Jährige geht mit hochgezogenen Schultern nervös auf dem Basketballplatz auf und ab. Er hantiert mit seinem Mobiltelefon herum, schaut zum Horizont und lächelt nervös, während er mit Bedacht nach den richtigen Worten sucht, um das Grauen zu beschreiben.

Er schrieb sich zwei Monate nach den Geschehnissen des 26. September an der Ausbildungsstätte ein. Nachdem "Ayotzinapa“ ein Synonym für das Verschwindenlassen in Mexiko geworden war.

Mario bleibt neben zwei der Fotos stehen. Saúl Bruno García und Leonel Castro Abarca, zwei Studenten im zweiten Studienjahr, mit denen er seit der Schulzeit befreundet war. Sie hatten Mario dazu gebracht, sich ebenfalls am Ausbildungszentrum einzuschreiben.

Doch nachdem die beiden Opfer des Verschwindenlassens geworden waren, fiel ihm die Entscheidung, sich hier – drei Stunden von seiner Heimatstadt entfernt – niederzulassen, schwer. Marios Mutter hatte Angst – und sie war nicht die einzige. Einige Studenten kehrten nach der Tragödie aus Angst nicht wieder in die Ausbildungsstätte zurück.

"Als ich erfahren habe, dass Saúl und Leonel vermisst wurden, konnte ich es nicht glauben. Nur einen Tag zuvor hatten wir uns gegenseitig Nachrichten geschrieben. Meine Mutter hatte nach dem, was passiert war, Angst, aber ich sagte ihr: ‘Wer nicht wagt, der nicht gewinnt‘ und kam hierher.“

Jungen Männern wie Mario, die aus auf dem Land lebenden Familien mit sehr geringem Einkommen stammen, bietet eine Einrichtung wie die in Ayotzinapa nicht nur eine Ausbildung, sondern auch einen Schlafplatz und drei Mahlzeiten am Tag. Sie ist die einzige Chance auf eine Hochschulbildung und eine Chance im Leben.

Das Ausbildungszentrum ist Teil eines ehrgeizigen Bildungsprojekts, das aus der mexikanischen Revolution hervorging und in den 1920er-Jahren gegründet wurde, um jungen Männern aus dem entlegenen ländlichen Raum eine Fachausbildung zu ermöglichen. Die Idee dahinter war es, akademische Fächer mit praktischem Wissen über Landwirtschaft zu verbinden und sozialen Aktivismus zu fördern.

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Die "Verschwundenen" von Ayotzinapa

Doch seitdem haben aufeinanderfolgende konservative Regierungen diese Zentren als Brutstätten für Probleme wahrgenommen und sie schonungslos schikaniert.

Im Jahr 2011 starben zwei Studenten nach einem besonders brutalen Angriff der nationalen und bundesstaatlichen Polizei auf Studierende, die auf einer Straße nahe Ayotzinapa protestierten.

Laut lokalen Aktivisten und Aktivistinnen war das Verschwindenlassen der 43 Studenten ein grausamer Versuch, ihrem lautstarken Aktivismus ein Ende zu setzen und die Botschaft zu senden, dass es im heutigen Mexiko keinen Platz für sie gibt.

Auch das Budget der Bildungseinrichtungen ist drastisch gekürzt worden. Von den 26 Schulen, die ursprünglich im ganzen Land eröffnet wurden, halten sich bis heute nur 17 knapp über Wasser. Bröckelnde, überfüllte Gebäude, zerbrochene Fensterscheiben und schäbige Badezimmer und Schlafsäle, in denen mehr Personen untergebracht sind als vorgesehen, belegen die finanziellen Engpässe.

"Wir haben nie viel Unterstützung von der Regierung erhalten, aber jetzt ist es sogar noch weniger. Es ist so, als wären wir ein Dorn im Auge der Regierung. Wir setzen uns dafür ein, dass wir mehr Ressourcen bekommen, um vernünftig und mit Würde studieren zu können. Alles was ich will, ist Lehrer zu sein, zu unterrichten und meiner Familie zu helfen“, sagt Mario.

Doch anstatt die Studenten einzuschüchtern, scheinen die Hindernisse ihnen Energie und Entschlossenheit zu verleihen. Sie wollen sich wehren und dafür sorgen, dass das Ausbildungszentrum geöffnet bleibt und ihr Leid nicht in Vergessenheit gerät, wie so viele andere in Mexiko.

Wie keine zweite Menschenrechtstragödie der vergangenen Jahre schlug das Verschwindenlassen der Studenten von Ayotzinapa Wellen in ganz Mexiko – einem Land, in dem in den vergangenen zehn Jahren Tausende Opfer des Verschwindenlassens wurden und Massengräber so häufig entdeckt werden, dass sie es kaum noch auf die Titelseiten der Zeitungen schaffen.

Vielleicht war es die Tatsache, dass die Opfer Lehrer werden und denjenigen Wissen vermitteln wollten, denen niemand sonst etwas beibringen möchte. Vielleicht leitet sich die Wut der Bevölkerung aus der unstrukturierten Reaktion der Regierung und dem Fehlen einer wirksamen Untersuchung ab: Beides ist von internationalen Organisationen wie Amnesty International und einer Expertengruppe, die von der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte eingesetzt wurde, heftig kritisiert worden.

Tatsache ist, dass Mexiko sich seit September 2014 für immer verändert hat.

Beinah 500 junge Männer leben in Ayotzinapa ihren Alltag. Tragik und Normalität treffen hier täglich aufeinander.

Sie überqueren den Basketballplatz und bleiben neben den orangefarbenen Stühlen stehen. Einige denken, dass die Gesichter auf den Fotos ihre hätten sein können. Sie bleiben stehen, werfen einen Blick auf die Bilder und gehen weiter. Sie gehen in ihre Unterrichträume oder in den großen Speisesaal, pflücken Blumen oder nehmen an Versammlungen teil, um darüber zu sprechen, was wirklich in dem Mexiko passiert, das niemand sehen will.

"Das Schlimmste ist, die Eltern zu sehen, wenn sie zu Besuch kommen. Wir sehen sie auf den Stühlen sitzen, auf denen ihre Kinder einst gesessen haben. Ich sehe, wie sie mit den Fotos sprechen und ihnen sagen, dass sie niemals aufhören werden, nach ihnen zu suchen. Es war nicht der erste Angriff auf uns durch die Regierung, aber es war der schlimmste. Doch wir werden nicht aufhören, bis wir die 43 gefunden haben, bis die Regierung uns sagt, wo sie sind“, sagt Mario.

Der unerschütterliche Mut der Studenten und Familien in Ayotzinapa stellt die Gleichgültigkeit der mexikanischen Regierung auf eine harte Probe. Der Wind in diesem Land hat sich gedreht. Nun besteht zumindest die Hoffnung, dass die stählerne Fassade der Regierung letztendlich doch einen Riss bekommen wird.

 

Werdet aktiv! Beteiligt euch an unserer Kampagne "Stop Folter" und fordert von den mexikanischen Behörden, das Schicksal der "verschwundenen" Studenten aufzuklären.

 

Jetzt mitmachen: www.stopfolter.de

 

 

Bild oben:

Protestaktion für die "verschwundenen" Studenten im Oktober 2014 in Mexiko

© Amnistia Internacional México/Alonso Garibay