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"Menschen lassen sich nicht durch Zäune aufhalten"

20/11/2015 von Selmin Çalışkan (Generalsekretärin der deutschen Amnesty-Sektion)

Viele Flüchtlinge, die derzeit nach Europa kommen, reisen durch Staaten des Westbalkans. Wie andere EU-Mitgliedstaaten haben sich auch die slowenischen Behörden dazu entschieden, an der Grenze Stacheldrahtzaun aufzustellen – mit Konsequenzen für Flüchtlinge, die in Europa Schutz suchen. Selmin Çalışkan war in den vergangenen Tagen vor Ort und hat sich ein Bild von den Grenzübergängen, Flüchtlingscamps, einem Aufnahmezentrum für Asylsuchende und der Arbeit von Amnesty vor Ort gemacht.

Selmin Çalışkan ist seit März 2013 die Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland.

 

An einem Luftballon ist nicht wirklich viel dran - ein bisschen Gummi, ein bisschen Luft. In manchen Momenten können solche Luftballons jedoch Erstaunliches bewirken. Sie können Kinder zum Lachen bringen. Kinder, die monatelang auf der Flucht waren und Angst, Gewalt, Hunger und Kälte durchstehen mussten. Am vergangenen Mittwoch konnte ich das am Bahnhof im slowenischen Dobova erleben.

Ich war mit meinen Kolleginnen und Kollegen von der slowenischen Amnesty-Sektion vor Ort, um zu beobachten, wie die slowenischen Behörden mit Flüchtlingen umgehen. Dobova ist nur wenige Kilometer von der slowenisch-kroatischen Grenze entfernt. Seit kurzer Zeit dient der Bahnhof als Drehscheibe für Flüchtlinge, die von Kroatien aus mit Zügen nach Österreich und Deutschland transportiert werden.

Flüchtlinge am Bahnhof Dobova, die einen Zug besteigen, der sie an die österreichische Grenze bringen soll.

Gegen Mittag fuhr ein weiterer Zug aus Kroatien ein. Die Flüchtlinge kamen aus Afghanistan, Pakistan, Irak und auch Syrien und hatten schon eine lange Reise hinter sich. Sie waren sehr müde und einige fragten uns, in welchem Land sie denn gerade seien. Zuerst traf ich auf Flüchtlinge aus Kunduz und fragte sie nach der Situation nach dem Angriff der Taliban.

Mithilfe unseres Übersetzers konnte ich mich mit einem kurdischen Mann und seiner Tochter aus dem irakischen Shingal unterhalten. Sie waren auf der Flucht vor dem "Islamischen Staat", der Frauen aus der Familie entführt und den Bruder des Mannes, mit dem wir sprachen, getötet hat.

Kolleginnen vom Roten Kreuz versorgten die Menschen mit Wasser und Essen und hatten außerdem eine große Tüte mit Luftballons dabei. Erst jetzt konnten wir sehen, dass auch sehr viele Kinder in den Waggons waren, denn sie alle kamen plötzlich an die Fenster, weil es Luftballons gab. Sie streckten ihre Hände und Köpfe aus den Fenstern und winkten uns mit den bunten Luftballons zu.

Wie mir Natasa Posel berichtete -  sie ist Generalsekretärin der slowenischen Sektion - hat sich die Versorgung der Flüchtlinge in den vergangenen Tagen deutlich verbessert. So wurde beispielsweise ein Flüchtlingscamp in Dobova-Livarna errichtet, damit sich die Menschen in beheizten Zelten, mit Decken und Matratzen, ausruhen können. Bis zu 2500 Flüchtlinge können dort unterkommen. Auch die geregelte "Einreise" per Zug von Kroatien habe die humanitäre Situation verbessert.

Selmin Çalışkan zusammen mit der slowenischen Amnesty-Generalsekretärin Natasa Posel am Bahnhof in Dobova.

Dies war vor einigen Wochen anders. Flüchtlinge erhielten keine Versorgung und mussten auf einer Wiese nahe der Grenze übernachten. Von Freiwilligen wissen wir, dass die slowenische Polizei in der Vergangenheit aggressiv gegenüber Flüchtlingen vorgegangen ist und sie immer wieder rassistische Ausrücke benutzend beschimpft hatte.

Das deutlichste Beispiel der slowenischen Abschottungspolitik ist der messerscharfe Grenzzaun in Rigonce nahe Dobova. Die Behörden nennen ihn "physische Barriere". In Wirklichkeit sorgt er dafür, dass Menschen immer gefährlichere Wege auf sich nehmen müssen, um einen sicheren Platz in Europa zu finden – denn Menschen lassen sich nicht durch Zäune aufhalten. Die Dorfbewohner um die Grenze herum wollen diesen Zaun nicht. Sie fühlten sich auch nicht gestört, als Proviantcontainer direkt neben dem lokalen Friedhof aufgestellt wurden: "Wieso denn auch? Wir konnten unsere Toten ja trotzdem am 1. November besuchen".

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Selmin Çalışkan an der slowenisch-kroatischen Grenze (Video auf YouTube ansehen)

Zwar sind im Moment die kroatisch-slowenischen Grenzübergänge offen. Aber was passiert, wenn Österreich oder sogar Deutschland die Grenzen schließen? Und wird es dazu kommen? In vielen Gesprächen und Interviews, die ich während meines Aufenthalts in Slowenien geführt habe, wurde mir ständig diese Frage gestellt.

Die slowenische Sektion von Amnesty International bereitet sich deshalb mit ihren Freiwilligen darauf vor, dass die Asylzahlen in Slowenien steigen werden. Ihnen und den vielen anderen freiwilligen Helferinnen und Helfern vor Ort, dem UNHCR, Caritas und dem Roten Kreuz, ist es zu verdanken, dass Flüchtlinge in Slowenien humanitäre Hilfe erhalten und menschliche Wärme erfahren.

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Die europäische Abschottungspolitik bringt Menschen auf der Flucht in Lebensgefahr. Das deutlichste Beispiel für die slowenische Abschottungspolitik ist der Grenzzaun mit messerscharfem Stacheldraht in Rigonce nahe Dobova. (Video auf YouTube ansehen)

Und wie es der Zufall wollte, habe ich an jenem Mittwoch am kleinen Bahnhof von Dobova eine alte Freundin wieder getroffen: Madeleine Rees, Direktorin der "Women's International League for Peace and Freedom". Sie war mit einer Delegation der "Women's Nobel Initiative" in Kroatien und Slowenien unterwegs, um sich ebenfalls über die Situation der Flüchtlinge zu informieren. Ich konnte auch kurz mit Shirin Ebadi über die schwierige Situation von Frauen und Kindern auf der Fluchtroute sprechen.

Es ist schwer, Menschen zu begegnen, die nicht wissen, ob sie am Ziel ankommen, bevor die Grenze sich vielleicht vor ihnen schließt, und das Gefühl des eigenen Priviligiertseins, der eigenen Sicherheit angesichts der Notlage des Gegenübers auszuhalten.

 

Weitere Informationen zum Thema auf: www.amnesty.de/fluechtlinge

 

Bild oben:

Amnesty-Generalsekretärin Selmin Çalışkan an der slowenisch-kroatischen Grenze
bei Rigonce im November 2015.

© Ralf Rebmann