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Unkompliziert, ehrlich, gütig: Meine Frau, die inhaftierte Aktivistin

02/12/2015 von Lin Htet Naing (Ehemann von Phyoe Phyoe Aung)

Im März 2015 wurde Phyoe Phyoe Aung inhaftiert, weil sie an der Organisation eines Protests von Studierenden in Myanmar beteiligt gewesen war. Auch ihr Mann Lin Htet Naing ist im November inhaftiert worden, nachdem er sich fast acht Monate lang versteckt gehalten hatte. Vom 4. bis 18. Dezember ruft Amnesty International im Rahmen des Briefmarathons Menschen weltweit dazu auf, sich für die Freilassung von Phyoe Phyoe Aung einzusetzen. Vor seiner Inhaftierung hatte Lin Htet Naing  Amnesty von seiner Frau und ihrem gemeinsamen Kampf für Gerechtigkeit erzählt:

Mein Lieblingstag ist der 11. April 2007. Das ist der Tag, an dem wir uns ineinander verliebt haben. Ich liebe meine Frau, weil sie unkompliziert, ehrlich und gütig mir gegenüber ist. Ich glaube, dass sie mich liebt, weil ich nicht nur gute Seiten habe. Wir wünschen uns einfach nur ein schönes Zuhause und eine gemeinsame Familie.

Ich habe sie zum ersten Mal 2006 bei einer Literaturveranstaltung an der Universität getroffen. Ich fand, dass sie aussah wie ein Junge. Und sie hat sich von niemandem einschüchtern lassen. Sie hat immer mit unseren Kommilitoninnen und Kommilitonen diskutiert und über die Vorteile der Globalisierung geredet.


Ich bin sehr stolz auf sie

Meine Frau ist mit Politik und Aktivismus aufgewachsen. Nach dem Aufstand von 1988, einem Protest von Studierenden, der vom Militärregime zerschlagen wurde, nahm man ihren Vater fest. Da war sie gerade einmal zehn Monate alt. Erst als sie 16 war, wurde er wieder freigelassen.

Ich bin sehr stolz auf sie. Sie ist die Generalsekretärin der All Burma Federation Student Union. Diese Studierendenvereinigung hat eine wichtige Rolle in der Geschichte unseres Landes gespielt, weil sie den Kampf für Unabhängigkeit und Demokratie angeführt hat. Deshalb haben wir uns auch dafür eingesetzt, die Vereinigung 2007 wieder ins Leben zu rufen.

Wir mussten dabei im Geheimen arbeiten, weil es damals verboten war, Mitglied in der Vereinigung zu sein. Wir beteiligten uns an der "Safran-Revolution", um gegen die steigenden Rohstoffpreise zu protestieren. Dann wurden wir beide festgenommen und saßen mehr als drei Jahre im Gefängnis. 


Auf dem Weg zur Anhörung zum Gericht: Phyoe Phyoe Aung im Mai 2015.

Sie wünscht sich ein gutes Sozialsystem

Sie hat sich auch für viele andere Themen eingesetzt und beispielsweise gegen den bewaffneten Konflikt im Norden des Landes protestiert. Ihr Traum ist es, dass Myanmar mehr wie ein skandinavisches Land wird. Sie wünscht sich ein gutes Sozialsystem und Gesundheitsversorgung für jeden.

2014 beriefen Studierende aus dem ganzen Land ein Treffen zu dem neuen Bildungsgesetz ein, von dem wir glauben, dass es die akademischen Freiheiten einschränkt. Meine Frau wurde zu einer der Verantwortlichen für die Koordination von Aktionen gewählt.

Anfang des Jahres half sie dann dabei, einen Protestmarsch gegen das Gesetz quer durchs Land zu organisieren. Fast 1000 Menschen gingen auf die Straße, darunter mehr als 300 Studierende.

Die Parolen der Protestierenden waren: "Wir brauchen demokratische Bildung" und "Wir wollen kein zentralisiertes Bildungssystem". Als sie dann kurz vor Rangun waren, schnitt die Polizei ihnen den Weg ab und nahm meine Frau fest.

Ich war so wütend auf die Regierung

Wir haben mit so etwas gerechnet. Nachdem Verhandlungsgespräche mit der Regierung über das neue Gesetz gescheitert waren, befürchteten wir, dass es ein böses Ende nehmen könnte. Meine Frau war darauf vorbereitet – sie hatte ein Handy, etwas Geld und einen Rucksack mit etwas Essen und Medikamenten bei sich.

Ich war sehr traurig, als ich von ihrer Festnahme erfuhr. Ich weinte, weil ich sie nicht beschützen und nicht bei ihr sein konnte. Und ich war so wütend auf die Regierung. Ich vermisse sie.

Seitdem sage ich ihr, sie muss auf ihre Gesundheit achten und stark bleiben. Ich versichere ihr, dass ich alles versuchen werde, um sie so schnell wie möglich aus dem Gefängnis zu holen.

Aber die Behörden sind studentischen Aktivistinnen und Aktivisten gegenüber kompromisslos. Universitäten, Professorinnen und Professoren werden unter Druck gesetzt, damit sie die Studierenden beobachten und von den Lehrveranstaltungen ausschließen. Die Behörden üben darüber hinaus auch Druck auf die Eltern aus. Wenn die Studierenden dann trotzdem noch öffentlich protestieren, nimmt die Polizei sie gemäß eines Gesetzes fest, wonach illegale Proteste verboten sind.

Kurz vor ihrer Hochzeit: Phyoe Phyoe Aung und Lin Htet Naing

Gefängnis ist keine Lösung

Nun droht meiner Frau ein langwieriges Verfahren. Sie ist extrem frustriert. Sie befragen 47 Angeklagte nacheinander und sind nicht einmal mit der ersten Person fertig. Wenn es so weiter geht, wird der Prozess mehr als drei Jahre dauern. Und sollte sie verurteilt werden, drohen meiner Frau mehr als neun Jahre Haft.

Momentan sind die meisten Menschen in Myanmar nur an den Parlamentswahlen interessiert. Sie haben politische Gefangene, wie meine Frau, vergessen. Deswegen müssen wir weiter Druck auf die Regierung ausüben und den Menschen vor Augen führen, was passiert.


Meine Nachricht an euch und an alle Unterstützerinnen und Unterstützer von Amnesty International ist: Bitte sagt Präsident Thein Sein und seiner Regierung klar und deutlich: "Es ist keine Lösung, Menschen, die Veränderungen wollen, ins Gefängnis zu stecken.

 

Werde aktiv! Beteilige dich am Amnesty-Briefmarathon und fordere die Freilassung von Phyoe Phyoe Aung! Jetzt mitmachen: http://www.briefmarathon.de

 

Bild oben:

Aktivist Lin Htet Naing mit seiner Frau Phyoe Phyoe Aung vor ihrer Inhaftierung Anfang 2015 auf dem Gelände der Yangon Universität.

© BayBay