Skip to main content
1961-1970

Einsatz für den Einzelnen

Seit Beginn steht die Hilfe für verfolgte und drangsalierte Menschen im Mittelpunkt der Arbeit von Amnesty International. Bereits der erste Appell zeigte, dass mit Stift und Papier politische Gefangene befreit werden können.

Die Unabhängigkeit für sein Heimatland – dafür setzte sich Angolas bekanntester Dichter Agostinho Neto jahrelang ein. Mehrmals war er deswegen schon inhaftiert worden, als die Kolonialmacht Portugal mit aller Gewalt zuschlug: Im Juni 1960 stürmten Polizisten in Netos Haus, peitschten ihn vor den Augen seiner Familie aus und verschleppten ihn. Monatelang wurde er in einem Gefängnis auf den Kapverdischen Inseln ohne Anklage festgehalten. Internationaler Druck zwang Portugal dazu, Neto 1962 aus dem Gefängnis zu holen und in Lissabon unter Hausarrest zu stellen, von wo der zukünftige Präsident Angolas später fliehen konnte.

Mitverantwortlich für den internationalen Druck war Amnesty-Gründer Peter Benenson. Denn in seinem am 28. Mai 1961 veröffentlichten Artikel „Die vergessenen Gefangenen“, in dem er die Freilassung von politischen Gefangenen forderte, hatte er auch Netos Fall geschildert. Prominent platziert prangte dessen Porträt neben den Fotos fünf weiterer Verfolgter über dem Artikel.

Das war kein Zufall: Benenson und seine Mitstreiter stellten bewusst den Einsatz für Einzelne in den Mittelpunkt der neuen Bewegung. Um Menschenrechtsverletzungen nachhaltig einzudämmen, müssen Strukturen geändert werden. Aber erst Einzelschicksale machen das Ausmaß und die zerstörerische Wirkung von Menschenrechtsverletzungen sichtbar.

Und wie dies am Besten zu erreichen war, beschrieb Benenson bereits in dem Artikel: durch Öffentlichkeitsarbeit. Denn Diktatoren sorgen sich zwar nicht um die Menschenrechte, aber umso mehr um ihr Ansehen im Ausland. „Die Erfahrung lehrt, dass Regierungen nur dann bereit sind mitzumachen, wenn sich die öffentliche Meinung dafür stark engagiert. Der Druck der öffentlichen Meinung führte vor hundert Jahren zur Befreiung der Sklaven. Jetzt ist für die Menschen der Zeitpunkt gekommen, darauf zu bestehen, dass die Freiheit des Geistes, der Meinung und der Rede durchgesetzt werden, so wie einst die Fesseln von den Körpern abgestreift wurden.“

Grundlage der Arbeit von Amnesty war und ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die 1948 von den Vereinten Nationen verabschiedet wurde. Jeder Mitgliedstaat der UNO verpflichtet sich, die Erklärung einzuhalten. Amnesty fordert somit von den Staaten nur ein, wozu sie sich selbst bekannt haben. Seit 50 Jahren ist Amnesty das schlechte Gewissen derjenigen Staaten, die die Menschenrechte missachten. Jeder Brief, jedes Fax und jede E-Mail sagt den Regierungen, die Menschen foltern und sie zu Unrecht ihrer Freiheit berauben: Die Welt beobachtet euch. Sie zeigen aber auch den Betroffenen: Ihr seid nicht allein.

Im Grunde geht es bei der Einzelfallarbeit darum, dass jemand einen Brief an jemanden schreibt, den er nicht kennt, um von ihm die Freilassung von jemandem zu fordern, den er noch nie getroffen hat und der nur im Gefängnis sitzt, weil er von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht hat.

Benensons visionäre Idee war simpel, aber äußerst erfolgreich. Am Ende des Gründungsjahrzehnts konnte Amnesty eine beeindruckende Bilanz ziehen: zwischen 1961 und 1970 hatte die Organisation insgesamt 4.000 Gefangene betreut – 2.000 von ihnen kamen frei.

Vom 4. - 14. Dezember 2010 beteiligten sich in über 50 Ländern wieder tausende Menschen an dem jährlichen Briefmarathon von Amnesty International für Menschen in Gefahr.

Bild oben:

Appellbriefe von Amnesty Mitgliedern

© Amnesty International