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"Ich bin Mensch, ich kämpfe für die Menschenrechte"

03/06/2015 von Online-Team (Abt. Kommunikation & Kampagnen, Amnesty Deutschland)
Tags:
Kamerun, LGBTI

Vom 12. bis 19. März war Selmin Çalışkan, Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International, im Rahmen einer internationalen Delegation in Kamerun unterwegs. Ziel der Reise war es, ein genaueres Bild der beunruhigenden Situation von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans- und Intersexuellen (LGBTI) in dem afrikanischen Land zu erhalten.

Laut Artikel 347a des kamerunischen Strafgesetzbuchs stellen sexuelle Handlungen zwischen gleichgeschlechtlichen Personen eine Straftat dar, die mit bis zu fünf Jahren Gefängnis geahndet werden kann. In Wahrheit wird das Gesetz aber viel weiter ausgelegt: Viele Betroffene werden allein aufgrund einer vermuteten sexuellen Orientierung angeklagt oder verurteilt. Außerdem trägt Artikel 347a zu einer äußerst vorurteilsbeladenen und gewaltbereiten Stimmung in der Gesellschaft bei.

Auch die in Kamerun sehr einflussreichen Kirchen lehnen gleichgeschlechtliche Liebe als Sünde, als klaren Verstoß gegen die göttliche Ordnung ab – und nehmen dabei nicht selten die offene Gewalt gegen LGBTI stillschweigend hin. Doch es gibt Ausnahmen. Religionsvertreter, die sich für einen menschlichen Umgang mit allen Mitgliedern ihrer Gemeinde einsetzen. Amtsträger, die auch einen offenen Dialog innerhalb ihrer Kirche anstreben. Die den Kontakt zu anderen Konfessionen in diesem Bereich suchen.

So wie der evangelische Pastor Dr. Jean-Blaise Kenmogne, der sich bereits im März viel Zeit für die Delegation von Amnesty International nahm. Anlässlich des diesjährigen Deutschen Evangelischen Kirchentages vom 3. bis 7. Juni in Stuttgart stand er Amnesty International erneut Rede und Antwort.

Amnesty International: Reverend Kenmogne, Sie haben einmal die Anerkennung der LGBTI-Rechte durch die Kirchen als „zivilisatorischen Wendepunkt“ bezeichnet, den niemand werde verhindern können. Wie meinen Sie das?

Dr. Jean-Blaise Kenmogne: Es gibt Momente in der Menschheitsgeschichte, die das Denken, Leben und Handeln grundlegend verändern. Zivilisatorische Sprünge, nach denen nichts mehr ist, wie es war. Augenblicke, die das menschliche Bewusstsein auf eine höhere, wertegebundenere Stufe katapultieren. Häufig geben einzelne Menschen den Ausschlag: Ich denke an Jesus, Buddha und Mohammed; an Sokrates, Descartes und Marx; an Kopernikus und Einstein. Aber auch bestimmte Ereignisse können ein neues menschliches Bewusstsein hervorbringen: Denken Sie nur an die französische oder amerikanische Revolution, an den Arabischen Frühling oder an den Sturz von Blaise Compaoré in Burkina Faso. Eines ist all diesen Zäsuren gemein: die große zivilisatorische Hoffnung, die Menschheit oder auch nur die eigene Gemeinde auf der ethischen Werteleiter eine Sprosse emporzuheben.

Auch die LGBTI-Gemeinschaft wird den Tag erleben, da die zerstörerischen Archaismen aufgebrochen und der Mensch in all seiner Authentizität erkannt werden wird – auch von den Kirchen. Und ich bin froh, meinen sehr bescheidenen Teil zu dieser großen Hoffnung beisteuern zu dürfen.
 

Anika Becher und Selmin Çalışkan hören den Erläuterungen des evangelischen Pastors Kenmogne zu, der sich wie wenige andere in den Kirchen gegen die Diskriminierung und Gewalt gegen LGBTI und andere Minderheiten in Kamerun einsetzt.

Amnesty: Ein Blick auf die Rolle und das Verhalten der Kirchen in ihrer Heimat lässt allerdings vermuten, dass der Weg noch lang und steinig ist. Wie können Sie sich so sicher sein, dass die Kirchen ihre ablehnende Haltung gegenüber Homosexualität und LGBTI über Bord werfen werden?

Kenmogne: Ich kann Ihre Zweifel verstehen. Wie oft war die Institution Kirche nicht blind für den offensichtlichen Fortschritt, hat sich der modernen Wissenschaft verweigert, den Atem der Menschenrechte erstickt? Wie oft haben sich die Kirchen nicht in den großen Momenten der Menschheit verirrt? Da wäre es kaum verwunderlich, wenn sie auch die gesellschaftliche Wandlungskraft der LGBTI-Gemeinschaft verkennen würden.

Doch wir sollten nicht verzweifeln, denn stets hat die Bestimmung letztlich Recht behalten. Im Zentrum der biblischen Offenbarung steht nicht ein bestimmtes Familienbild oder gar die Fortpflanzung. Hatte Jesus etwa Kinder? Was ist mit dem Zölibat? Die Essenz der Heiligen Schrift ist vielmehr die Liebe. Kein Mensch wird an seiner sexuellen Orientierung gemessen werden. Die Kraft zu Lieben, wie es Martin Luther King ausdrückte; die Bereitschaft, für die Schwachen und Zurückgelassenen da zu sein – danach werden wir am jüngsten Tag gefragt werden. Eine Kirche, die diese Erkenntnis dauerhaft verweigert, steht auf der falschen Seite der Menschheitsgeschichte.

Wie ermutigend ist es da, wenn Papst Franziskus die Frage aufwirft: „Wer bin ich, über Homosexuelle zu richten?“ In ihm sehe ich einen der Propheten, die in die richtige Richtung weisen. Viele weitere werden folgen und die Kirchen auch in Fragen der sexuellen Orientierung und Identität leiten. Wir mögen uns derzeit noch in einem diskursiven Orkan befinden: Es werden katastrophale Debatten geführt, gerade auch in Kamerun und auf dem gesamten Kontinent. Doch es werden andere Winde aufziehen, und keine Kirche wird sich dauerhaft von der Wahrheit abschirmen können. Das ist meine Hoffnung, mein Gebet und meine tiefste Überzeugung.

Amnesty: In Ihren Büchern schreiben Sie von zahlreichen Missverständnissen in der kamerunischen Gesellschaft, was das Verständnis von Homosexualität betrifft. Wo sehen Sie die größten Vorurteile?

Kenmogne: Kamerun wird heimgesucht von einem Phänomen, das ich gemeinhin als „Sexualität der Dominanz“ bezeichne. Nicht selten wird die Sexualität missbraucht, um Macht und Unterwürfigkeit zu demonstrieren. Vor allem Jugendliche, die ihre persönliche und berufliche Entwicklung größtenteils noch vor sich haben, lassen sich von Entscheidungsträgern und Vorgesetzten zu sexuellen Handlungen hinreißen. Es ist ein Machtspiel, das in der öffentlichen Wahrnehmung verständlicherweise Ablehnung und Verachtung hervorruft – umso mehr, wenn gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen ans Tageslicht kommen.

Auch kommt es in Kamerun vor, dass Menschen bloß vorgeben, homosexuell zu sein, um sich als „anders“ zu profilieren, zu schockieren und Aufmerksamkeit zu erhaschen. Viele meiner Landleute verbinden Homosexualität deshalb vor allem mit Machtmissbrauch, Unterwürfigkeit und Wichtigtuerei.

Dabei übersehen sie die wahre Liebe, die ebenso gut zwischen Mann und Frau wie in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung wirken kann. Umso wichtiger ist es mir, auch in der Öffentlichkeit immer wieder klarzustellen, dass Homosexualität schlichtweg menschlich und authentisch ist – und nichts anderes verdient hat als gesellschaftliche Anerkennung und Gleichbehandlung.

Wissen Sie, das Evangelium lehrt uns Lebensfreude und Nächstenliebe; das Menschsein verbindet uns mit all unseren Mitmenschen; und der Glaube an die Menschenrechte verbietet jede Zurückhaltung, wenn die Rechte anderer mit Füßen getreten werden. Warum ich das sage? Ganz einfach: Ich bin Mensch, ich kämpfe für die Menschenrechte und ich bin Christ. Ich habe wahrlich keine Ausrede, nicht von einer besseren Welt zu träumen. Vor allem aber möchte ich eines: Mich für die Wahrwerdung dieses Traums nach allen Kräften einsetzen und andere, inklusive der Kirchen, ein Stück weit auf diesem Weg hin zu einer Gesellschaft des gemeinsamen Segens begleiten.

Gespräch und Übersetzung: Raphael Kreusch.

Bild oben:

Wiltraud von der Ruhr, Pastor Jean-Blaise Kenmogne, Selmin Çalışkan und Steven Cockburn nach dem gemeinsamen Treffen in Duala




 

© Amnesty International / Raphael Kreusch