Skip to main content

"Diese Sympathie ist eine unglaubliche Antriebskraft"

19/06/2015 von Online-Team (Abt. Kommunikation & Kampagnen, Amnesty Deutschland)

50 Stockschläge vor aller Augen: Der saudi-arabische Blogger Raif Badawi wurde Anfang des Jahres öffentlich geprügelt. Seither ist er permanent in Gefahr, weitere Schläge zu erhalten. Anfang Juni bestätigte der Oberste Gerichtshof das Urteil gegen ihn: 1.000 Stockschläge, zehn Jahre Haft und eine Geldstrafe von umgerechnet 240.000 Euro.

Raif Badawis Ehefrau, Ensaf Haidar, ist mit ihren drei Kindern nach Kanada geflohen. Im Interview mit dem Amnesty Journal schildert sie ihren Weg ins Exil und ihren unermüdlichen Einsatz für die Freilassung ihres Mannes.

Seit Sie sich 2008 von Raif Badawi verabschiedet haben, ist viel Zeit vergangen. Welche Gefühle haben Sie seither durchlebt?
In dieser Zeit habe ich vieles durchgemacht. Ich erlebe bis heute ein ständiges Wechselbad der Gefühle. Manchmal bin ich optimistisch und glaube, dass die Dinge sich verändern und die Sache einen guten Ausgang nimmt. Manchmal bin ich traurig, verzweifelt und müde. Ich will das Negative nicht überbewerten, muss aber zugeben, dass es auch da ist.

Vermissen Sie etwas, wenn Sie an Ihr Leben in Saudi-Arabien denken?
Außer Raif vermisse ich nichts. Wenn er nach Kanada kommt, ist das Kapitel für mich abgeschlossen. Was es für mich nicht mehr gibt, ist so etwas wie Heimat, aber ich fühlte mich in Saudi-Arabien ohnehin nie als freier Mensch.

Jeden Freitag besteht nach wie vor die Gefahr, dass Ihr Ehemann erneut öffentlich geprügelt wird. Was löst das bei Ihnen aus?
Jeder Tag fühlt sich leer und traurig für mich an. Das alles lässt mich ohnehin nicht zur Ruhe kommen. Aber freitags gibt es diesen zusätzlichen Ballast, diese Tage fallen mir wirklich besonders schwer.

Ihr Leben hat sich schlagartig verändert. Sie sind jetzt alleinerziehend und leben im Exil. Wie haben Sie sich damit arrangiert?
Das Leben geht weiter. Die Kinder gehen in die Schule, und ich habe Leute um mich, mit denen ich gerne Zeit verbringe. Und wenn ich Unterstützung brauche, sind sie da. Das funktioniert alles.

Der Entschluss, ins Exil zu gehen, der fehlende Vater und die extrem schwierige Gesamtsituation – wie haben Sie das Ihren Kinder erklärt, und wie gehen sie damit um?
Ich habe es ihnen nicht sofort gesagt. Nach einer kurzen Station in Ägypten lebten wir in Beirut. Wir verbrachten dort fast zwei Jahre, bevor wir nach Kanada gingen. Zunächst wollte ich den Kindern nicht zu viel erzählen, auch wenn sie ständig fragten und nachhakten, wo Raif sei und wann er zurückkomme. Ständig erwarteten sie ihn. Erst kurz vor der Prügelstrafe im Januar, kurz vor jenen ersten 50 Stockschlägen habe ich den Fragen nachgegeben. Ich hatte das Gefühl, dass ich es ihnen erklären muss, dass sie mehr wissen müssen. Das war gut für uns alle. Natürlich hatten sie viele neue Fragen, etwa zu Raifs Blog und warum er ihn betrieb. Insgesamt bringen die drei Kinder das ganz unterschiedlich zum Ausdruck. Aber sie warten auf ihn, auch wenn sie wissen, dass er im Gefängnis sitzt. Sie wollen ihren Vater bei sich haben.

See video

Ensaf Haidar bedankt sich bei all den Menschen, die sich für ihren inhaftierten Ehemann Raif Badawi einsetzen und seine Freilassung fordern.

Sie telefonieren mit Raif Badawi. Wie frei können Sie reden, und worüber sprechen Sie mit ihm?
Ich kann ihn nicht anrufen. Wenn wir telefonieren, ruft er mich an – unregelmäßig, etwa zwei bis drei Mal in der Woche. Das sind sehr kurze Telefonate. Er will nicht darüber sprechen, was mit ihm im Gefängnis geschieht und ich frage ihn auch nicht danach. Er will wissen, wie es mir und den Kindern geht und was wir machen. Ich frage ihn das Gleiche. So haben wir uns arrangiert.

Halten Sie es für möglich, dass die weltweite Öffentlichkeit die Angelegenheit negativ beeinflussen könnte?
Nein, einen negativen Effekt kann ich mir nicht vorstellen. Im Gegenteil: Ich glaube fest an einen guten Ausgang. Die Sache braucht nur mehr Zeit.

Raif Badawi startete als unbekannter Blogger, inzwischen ist er zu einer weltweit bekannten Ikone für Meinungsfreiheit geworden – weiß er, was außerhalb Saudi-Arabiens passiert?
Er weiß immer, was los ist – ich versuche ihn so gut es geht auf dem Laufenden zu halten. Das hilft ihm und gibt ihm Energie.

Wie haben Sie persönlich diesen Prozess wahrgenommen, als ihr Mann Tag für Tag bekannter wurde?
Ich hatte zunächst Angst davor, was passieren würde. Und zugleich hatte ich die Hoffnung, dass der Kampf für Raif zum Erfolg führen könnte.

Dank Ihres enormen Einsatzes wurden auch Sie weltweit bekannt. Sie und Ihre Familie stehen nun ebenfalls im Rampenlicht. Wie geht es Ihnen mit dieser Rolle?
Es ist meine Pflicht als seine Frau, für ihn da zu sein, ihn zu verteidigen, ihm zu helfen. Das tue ich, weil die Kinder und ich ihn zurückwollen. Ich bin froh, dass ich nicht allein bin mit meiner Forderung, sondern dass wir alle gemeinsam dasselbe wollen.

Die Resonanz ist riesengroß, vor allem in den sozialen Netzwerken. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie immer wieder all diese „Likes“ auf Facebook sehen?
Das macht mich glücklich und gibt mir Kraft, um weiterzumachen. Diese Sympathie ist eine unglaubliche Antriebskraft.

Wissen Sie, warum Raif Badawi den Blog initiierte, gab es einen Auslöser?
Er hatte die Absicht, eine Plattform zu schaffen, einen Raum zu schaffen, um über Menschenrechte und Probleme zu sprechen. Er wollte es den Leuten ermöglichen, frei ihre Meinung zu äußern. Raif denkt und handelt frei und er mag es, wenn Leute frei handeln, denken und entscheiden können – die Webseite sollte ein Anfang sein.

Wusste er, dass er sich damit in Gefahr begab?
Es war ihm von Anfang an bewusst, dass es eine heikle Angelegenheit war. Aber er hatte ganz und gar nicht mit einer derart harten Strafe gerechnet. Und bis jetzt kann er nicht glauben, dass er diese Strafe für das bekommt, was er eigentlich gemacht hat.

Inzwischen sind seine Texte auch in einem Buch erschienen. Haben Sie das Vorhaben gemeinsam abgestimmt?
Als der Vorschlag kam, entschieden wir uns einfach dafür. Alle Leute, die mit Raif sympathisieren, haben dadurch eine echte Chance, zu erfahren, was er denkt. Spätestens damit dürfte allen klar werden, dass sein Handeln und seine Strafe in keinen Zusammenhang zu bringen sind.

Interview: Andreas Koob

Mach mit und unterzeichne unsere Online-Petition. Fodere die sofortige Freilassung von Raif Badawi und Waleed Abu al-Khair.

Bild oben:

Ensaf Haidar bei der Jahresversammlung von Amnesty im Mai 2015

© Amnesty International