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Ehrenamtliche Hilfe für Flüchtlinge: Die Asylberatung von Amnesty International

28/10/2015 von Ingeborg Heck-Böckler (Mitglied der Asylgruppen in Aachen & Eupen)

Deutschlandweit gibt es mehr als 200 ehrenamtliche Asylberaterinnen und -berater von Amnesty International, die Flüchtlingen bei allen Fragen rund um das Asylverfahren helfen. Sie nehmen regelmäßig an Schulungsseminaren teil, um eine qualifizierte Beratung zu gewährleisten. Eine dieser Beraterinnen ist Ingeborg Heck-Böckler, die hier von ihren Erfahrungen berichtet.

Ingeborg Heck-Böckler ist seit mehr als 35 Jahren Mitglied von Amnesty International, seit 14 Jahren setzt sie sich vor allem für den Schutz von Flüchtlingen ein. Sie engagiert sich in den Amnesty-Asylgruppen in Aachen und Eupen und ist außerdem Ansprechpartnerin für die Flüchtlingshilfe-Kampagne „Save me“ für Aachen und Nordrhein-Westfalen.

 

Die Schicksale der Flüchtlinge, die zu uns in die Asylberatung kommen, sind sehr unterschiedlich. Was aber all diese Menschen gemeinsam haben: Sie haben ihre Heimat und all ihr Hab und Gut verloren und hoffen auf ein neues Leben in Sicherheit.

Denn wer in Europa Schutz sucht, hat großes Leid erlebt. Manche Menschen fliehen, weil sie aufgrund ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung oder ihren politischen Anschauungen verfolgt werden. Andere wollen Kriegen und Gewalt in ihren Herkunftsländern entkommen.

Wenn es diese Menschen nach Deutschland schaffen, sind sie erst einmal erleichtert. Doch dann beginnt das lange Warten, denn Asylverfahren dauern Monate, manchmal sogar Jahre. Die ständige Ungewissheit, ob man Asyl gewährt bekommt oder nicht, und die Angst, Deutschland eventuell doch wieder verlassen zu müssen, sind zermürbend.

Mit der fachkundigen Asylberatung für Flüchtlinge versucht Amnesty International, diesen Menschen konkret zu helfen. In diesen ehrenamtlichen Rechtsberatungen können sich Asylsuchende über den Ablauf des Asylverfahrens und den Stand des eigenen Verfahrens informieren. In bestimmten Fällen kann die Asylgruppe den Asylsuchenden als Einzelfall betreuen und Anwaltskosten können übernommen werden. Den Mitgliedern der Asylgruppen werden jährlich mehrere Schulungsseminare angeboten; darüber hinaus gibt es für sie regelmäßige Arbeitstreffen.

Wir sind immer wieder froh, wenn wir sehen, dass sich unser Einsatz lohnt und mit dazu beiträgt, dass ein Flüchtling Asyl erhält.

Voller Freude haben wir beispielsweise einen Türken, der in der Türkei jahrelang inhaftiert war und Folter erleiden musste, bei uns in der Sprechstunde begrüßt. Schon mehrere Monate zuvor hatten wir Kontakt zu ihm und haben seinen Weg von der Türkei bis nach Aachen hoffend begleitet. Auf seine Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wurde er gemeinsam mit einem Rechtsanwalt gut vorbereitet.



Ein langer Weg war es auch bis ein Syrer, der in unsere Beratung kam, endlich als Flüchtling anerkannt wurde. Welche Erleichterung und Freude, als er dann in unsere Sprechstunde kam und uns stolz seinen blauen Pass zeigte.

Ein syrischer Flüchtling, den die Asylberatung in Aachen bis zur Ausstellung seines Passes begleitet hat.

Danach erlebten wir aber auch wieder seine Nöte und Sorgen, als er nach seiner Anerkennung als Flüchtling ein Jahr lang darum kämpfte, sein Recht auf Familienzusammenführung durchzusetzen. Wir begleiteten ihn weiter und erfuhren erneut, wie schwer es ist, die für die Einreise nach Deutschland erforderlichen Dokumente zu bekommen. Fast ein Jahr dauerte das Bangen und Hoffen.

Doch manchmal können auch wir nicht direkt helfen, wie beispielsweise einem Syrer, der versuchte, seine Kinder aus der Krisenregion nach Deutschland zu holen. Dies gelang ihm aber nur bei zwei seiner vier Söhne. Der dritte Sohn wurde in Syrien von Regierungstruppen erschossen, als er Flüchtlingen, die sich in den Bergen versteckt hatten, Nahrungsmittel bringen wollte. Verzweifelt versuchte der Vater den vierten Sohn in Sicherheit zu bringen. Ein Kampf im Paragraphendschungel, der sich nicht lösen ließ: die deutsche Botschaft in Syrien und die deutsche Ausländerbehörde verwiesen jeweils auf die andere Behörde. Wir drehten uns immerzu im Kreis.

Doch da zeigte sich, wie wichtig Vernetzung ist: Bei unserer internationalen Kochgruppe in Aachen, bei der Flüchtlinge und Deutsche im Rahmen der Save-me-Kampagne gemeinsam kochen, erfuhr eine Familie von dem harten Schicksal des Vaters und seiner Söhne und unterzeichnete eine Verpflichtungserklärung. Die Familie garantierte, dass sie sich um den Sohn kümmern und für seinen Unterhalt aufkommen würde. Nach einigen Monaten größter Anspannung kam auch der vierte Sohn endlich in Aachen an.

Gemeinsames Kochen mit Flüchtlingen in Aachen.

Die in der Asylberatung engagierten Amnesty-Mitglieder werden regelmäßig geschult, damit sie auf ihre oft sehr fordernde Aufgabe richtig vorbereitet sind.

Um sicherzustellen, dass dabei sowohl juristische Vorgaben als auch die Vorgaben von Amnesty eingehalten werden, bietet die Fachkommission Asyl mehrmals im Jahr in verschiedenen Städten Seminare an. Dort wird zum Asylrecht, über politische Entwicklungen und die Flüchtlingsarbeit bei Amnesty referiert. Erst nach dem Besuch eines solchen Seminars darf im Namen von Amnesty beraten werden. Alle zwei Jahre muss das erworbene Wissen auf den aktuellen Stand gebracht werden.
 
In den Seminaren liegt der inhaltliche Schwerpunkt auf der Erläuterung, welche Kriterien erfüllt werden müssen, um als Flüchtling anerkannt zu werden. Die Kriterien der sogenannten „Flüchtlingseigenschaft“ werden in der Qualifikationsrichtlinie der EU und im Asylverfahrensgesetz beschrieben.

In Gruppenarbeit werden dann anhand von Entscheidungen europäischer und deutscher Gerichte die Kenntnisse zur Flüchtlingseigenschaft vertieft. In einem zweiten Block wird der Ablauf des Asylverfahrens besprochen. Danach werden die Möglichkeiten einer Klage gegen eine negative Entscheidung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge erörtert. Anschließend folgt ein Überblick über die verschiedenen Aufenthaltstitel für Asylsuchende, anerkannte Flüchtlinge und abgelehnte Asylbewerber. In einer weiteren Gruppenarbeit wird eine Beratungssituation anhand von anonymisierten Originalunterlagen eines Asylverfahrens simuliert.



Amnesty-Mitglieder aus Aachen bei einem Seminar der Bundespolizei zu Fluchtursachen.

Bei den Seminaren wird versucht, abwechslungsreich und praxisnah in die Beratung einzuführen. Mal berichten Flüchtlinge, die von Amnesty begleitet wurden, von ihren Erfahrungen. Mal besuchen wir eine Dienststelle der Bundespolizei, wo wir sehen, wie EURODAC, die europäische Datenbank zur Speicherung von Fingerabdrücken, funktioniert, und erfahren etwas über Fluchtursachen und Migrationsrouten. Doch der beste Lehrmeister ist und bleibt die Praxis.

Auch wenn wir oft nicht weiter kommen: Es zeigt sich, dass Schulungen und regelmäßiger Austausch bei den mehrmals im Jahr stattfindenden Asylarbeitskreisen Grundlage für eine seriöse Beratung im Namen von Amnesty sind. So kann sie Erfolge verzeichnen und dazu beitragen, dass Flüchtlinge in Deutschland ein neues Leben in Schutz und Sicherheit beginnen können.

Weitere Informationen zur Asylberatung von Amnesty International gibt es auf http://www.amnesty.de/asylberatung

 

Bild oben:

Amnesty-Aktion gegen eine Verschärfung der Asylpolitik im September 2015 in Berlin.

© Amnesty International, Foto: Henning Schacht