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"Eine Kultur der Solidarität"

09/12/2015 von Online-Team (Abt. Kommunikation & Kampagnen, Amnesty Deutschland)

Witek Hebanowski gehört zu den Initiatoren des Amnesty-Briefmarathons in Polen - dank seiner Initiative wurde die Idee zu einem globalen Erfolg. Im Interview mit dem Amnesty-Journal erzählt er, wie es dazu kam.

Wie ging die Sache eigentlich los? Wie entstand die Idee, Briefe für und an Menschen zu schreiben, die Opfer von Menschenrechtsverletzungen wurden?
Auf einem Filmfestival traf ich 2001 eine hübsche Frau und sie erzählte von einer Aktion in einem afrikanischen Land, bei der über wenige Stunden hinweg möglichst viele Protestbriefe gegen Menschenrechtsverletzungen geschrieben worden waren. Das fand ich eine super Idee, auch, weil ich die Frau unbedingt wiedertreffen wollte. Wir diskutierten in unserer Warschauer Amnesty-Gruppe und legten los. Wir waren zu fünft und hatten drei Regeln: Wir wollten Briefe schreiben in wirklich gravierenden und dringenden Fällen von Menschenrechtsverletzungen und zwar über 24 Stunden hinweg – als eine extreme Art, den Samstagabend zu verbringen – und anschließend genau auszählen, wer landesweit wie viele Briefe gesammelt hat. Alles andere war den jeweiligen Gruppen in Polen freigestellt und genau das erwies sich als Erfolgsgeheimnis: Es machten so viele Leute mit, wie noch nie an einem einzigen Tag bei einer Aktion von Amnesty in Polen.

Schon ein Jahr später machten Menschen auf der ganzen Welt mit …
Die Sache sollte globaler werden: Dafür nutzten wir Kontakte oder griffen einfach auf das Amnesty-Adressbuch zurück. Wir teilten uns als Team auf die fünf Kontinente auf und schrieben Mails an Amnesty-Gruppen überall auf der Welt. Wir trafen uns nie persönlich, aber hatten eine wirklich starke und persönliche Bindung zu Leuten in Mexiko oder auf den Bermudainseln. Eine Gruppe aus der Nähe von Boston spendete uns 300 Dollar, mit denen wir unsere Telefon- und Internetrechnung zahlen konnten.
Wir waren schon mit Aktiven aus 40 Ländern vernetzt, als es den ersten Hinweis auf der globalen Amnesty-Webseite gab, darunter waren etwa Länder wie die Türkei, der Libanon, Simbabwe und ­Pakistan. Es zeigte sich uns eine Kultur der Solidarität über Grenzen hinweg – dabei gab es Facebook noch gar nicht, als wir damals in unserem im Keller gelegenen Büro saßen und versuchten, uns zu vernetzen.

Die Liste der Erfolge ist lang: Viele Menschen kamen frei, bei anderen verbesserten sich die Haftbedingungen. Habt ihr das für möglich gehalten?
Das war unglaublich – so viel Spaß zu haben und dabei auch noch Leuten zu helfen. Das war wie ein Wunder. Wir widmeten uns der Sache, wir kämpften, wir zogen alle am selben Strang. Es schien erst nicht machbar, aber wenn du dich gut organisierst, kannst du etwas verändern auf der Welt.

Jahr für Jahr nehmen mehr Menschen teil. Im vergangenen Jahr kamen weltweit mehr als drei Millionen Appelle zusammen. Wann war euch klar, dass sich der Briefmarathon wie ein Lauffeuer verbreiten würde?
Wir alle wussten, dass wir in globalen Strukturen engagiert sind, aber mit dem Briefmarathon konnten wir es auch erstmals spüren. Ich fühlte, dass wir die Werte, für die wir einstehen, wirklich universell teilen. Zugleich überstieg der weltweite Erfolg meine kühnste Fantasie – und ich hatte eine wirklich große Fantasie.

Warum eigentlich Briefe?
Briefe schienen uns das wirkmächtigste Instrument zu sein. Wir wollten kein Copy & Paste, sondern die individuelle Nachricht.

Schreibst du außerhalb des Marathons auch gerne Briefe per Hand?
Nein, nur während des Briefmarathons. Aber es ist ein schönes Gefühl, wenn deine Hände dann irgendwann einfach gar nicht mehr ­können.

Jeder Brief kann dabei helfen, Folter zu verhindern, Menschen vor unfairen Prozessen zu schützen und Leben zu retten. Macht jetzt mit beim Amnesty-Briefmarathon: http://www.briefmarathon.de

 

Das Interview führte Andreas Koob, Volontär des Amnesty Journals.

Bild oben:

Mitten im Geschehen: Von überall aus schreiben Menschen Briefe

© Amnesty International