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1971-1979

Diese Briefe retten Leben

Seit 1973 hilft Amnesty mit den „Urgent Actions“ weltweit von Folter und Misshandlung bedrohten Menschen – und macht damit öffentlich Druck auf Regierungschefs, Militärs und Sicherheitsbehörden.

Die Handlanger des Regimes kamen am Abend des 15. Februar 1973. Militärpolizisten stürmten das Haus des Universitätsprofessors Luiz Rossi in São Paulo, beschlagnahmten Bücher und Dokumente und nahmen ihn fest. Sein „Verbrechen“: Er war Mitglied der Kommunistischen Partei Brasiliens, das damals von einer Militärjunta regiert wurde. In der Haft wurde er immer wieder geschlagen und mit Elektroschocks gefoltert. Seine Ehefrau Maria José Rossi und seine drei Töchter standen unter Hausarrest. In ihrer Verzweiflung warf seine Frau einen Zettel aus dem Fenster, der zufällig von der siebenjährigen Nachbarstochter gefunden wurde. Über einen Anwalt und einen Bischof erreichte das Papier Amnesty International in London. Am 19. März 1973 rief die Organisation Aktivisten weltweit auf, in Briefen an den brasilianischen Präsidenten Medici die Freilassung Rossis zu fordern.

Dieser Aufruf war die erste Urgent Action von Amnesty – eine Eilaktion für Menschen in Gefahr. Dabei appelliert eine Vielzahl von Freiwilligen mit Telefaxen, E-Mails und Luftpostbriefen an die Behörden eines Staates, in dem Menschenrechte verletzt werden. Bei den Adressaten gehen Tausende von Appellschreiben aus aller Welt ein. Das schnelle internationale Engagement ist eines der wirksamsten Instrumente, um Menschenrechtsverletzungen zu beenden und zu verhindern. Bis heute hat dieser rasche und massive Protest Tausenden von Menschen das Leben gerettet. Auch Luiz Rossi.

Zwei Wochen nach dem Aufruf wurde Rossis Ehefrau ins Hauptquartier der Geheimpolizei DOPS einbestellt – sie sollte die Leiche ihres Mannes identifizieren. Doch bei ihrer Ankunft sah sie, dass ihr Mann noch lebte. Die Beamten zeigten ihr stapelweise Briefe von Amnesty- Unterstützern. Der Direktor des DOPS war erstaunt: „Ihr Mann muss wichtiger sein als wir geglaubt haben, sonst hätten wir nicht all diese Briefe aus der ganzen Welt erhalten.“ Rossi wurde daraufhin nicht mehr gefoltert und am 24.Oktober 1973 freigelassen. Schon 1974 startete Amnesty elf weitere Eilaktionen zugunsten von Folteropfern in Mexiko, Chile, Brasilien, Uruguay und Spanien.

Die Urgent Actions machen die Verantwortlichen darauf aufmerksam, dass sie von der internationalen Öffentlichkeit beobachtet werden – und genau das scheuen sie. Es geht aber nicht nur darum, die Tätern zur Rechenschaft zu ziehen, sondern sich auch mit den Gefangenen solidarisch zu zeigen. Dies gab auch Luiz Rossi neue Kraft: „Meine Peiniger wollten mich brechen und isolieren, alle Verbindungen zur Außenwelt kappen. Doch die Urgent Action von Amnesty hat diese Isolation durchbrochen.“

 

Urgent Actions: Jede Dritte Eilaktion ist ein Erfolg

Urgent Actions sind die denkbar schnellste Form der Intervention, um akut bedrohten Menschen das Leben zu retten. Binnen weniger Stunden tritt ein Netzwerk von fast 80.000 Menschen in 85 Ländern in Aktion, allein in Deutschland sind 10.000 Menschen beteiligt. Etwa ein Drittel der Urgent Actions zieht positive Meldungen nach sich: Freilassungen, Hafterleichterungen, die Aufhebung von Todesurteilen oder auch Anklagen gegen die Verantwortlichen von Menschenrechtsverletzungen. An den Eilaktionen kann sich jeder beteiligen, auch wenn er nicht Mitglied bei Amnesty ist. Werden auch Sie aktiv: www.amnesty.de/urgent-actions

 

Bild oben:

Eine Aktivistin in Thailand nimmt am Amnesty-Briefmarathon teil.

© Amnesty International Thailand